EINBlick nach Indien

Oftmals fühlen wir uns bei der Förderung und Erziehung unserer Kinder mit Down-Syndrom nicht ausreichend unterstützt, allein gelassen im Behördendschungel, bei den Kranken- und Pflegekassen, bei den Versorgungsämtern, verärgert und enttäuscht über die winzigen Schritte im Schulsystem und so weiter und so weiter. Wir kämpfen für Gleichberechtigung und Inklusion in der Gesellschaft und stoßen sehr oft an Grenzen.
Ein Blick über die europäischen Grenzen, in diesem Fall nach Indien, kann hilfreich sein, zu reflektieren, dass bei uns nicht alles schlecht, unorganisiert und ungerecht ist.
Vielen Dank an Lea Mayer, die uns mit ihrem Bericht einen kleinen Einblick in den Alltag in einem Heim für behinderte Menschen in Salem/Indien gibt.
Wer noch mehr über ihren Einsatz in Indien lesen möchte, findet weitere Berichte unter https://oefp-blogs.ems-online.org/oefp-blogs-2018/indien-lea/

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Ich bin Lea Mayer, 18 Jahre alt und habe mich nach meinem Abitur für einen Freiwilligendienst im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu entschieden. Mittlerweile bin ich seit 8 Monaten in meiner Einsatzstelle CSI Balar Gnana Illam, einem Heim, einer Schule und berufliche Rehabilitation für geistig eingeschränkte Kinder und Jugendliche. Dazu gehören auch Autisten und Kinder mit Don-Syndrom. Insgesamt leben ca. 70 Kinder in dem Heim, zusätzlich kommen 20 Kinder täglich zur Schule.  Außerdem gehört noch ein Heim für Erwachsene Frauen dazu.

Meine Entsendeorganisation und das Programm, an dem ich teilnehme, ist die Evangelische Mission in Solidarität, EMS, ein Zusammenschluss von 28 Kirchen in Asien, Afrika, dem Nahen Osten und Europa. Das Ökumenische FreiwiligenProgramm, ÖFP, bietet jungen Erwachsenen die Möglichkeit sich international als Freiwillige in Einrichtungen dieser EMS-Gemeinschaft einzubringen. Die EMS ist als Entsendeorganisation des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes „weltwärts“, ein Förderprogramm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), anerkant.

Die Chruch of South India, CSI, ist die größte evangelische Kirche Indiens. Sie ist ein Teil der EMS-Gemeinschaft, deren Schwerpunkt die Arbeit der Überwindung der Kastenschranken und die Förderungen von Frauen und Mädchen ist.

Anfangs benötigte ich einige Zeit, um mich an die Kultur und alles Neue zu gewöhnen, wie beispielsweise das Essen mit einer Hand und die einfache Einrichtung/ Lebensweise.  Mittlerweile habe ich mich an alles gewöhnt, fühle ich mich hier sehr wohl und es ist jetzt schon ein zweites Zuhause geworden.

Mein Alltag beginnt meist gegen 7 Uhr. Morgens helfe ich den Mädels beim Anziehen und Haare flechten. Anschließend waschen wir mehrmals wöchentlich gemeinsam unsere Kleidung an den Waschsteinen im Hof.  Danach helfe ich beim Austeilen des Essens. Es gibt dreimal täglich warme Mahlzeiten, die meist aus Reis oder Fladen aus Reismehl bestehen. Für alle Kinder beginnt der Schultag mit dem „Morningprayer“ im Hof. Nach dem Singen und Beten werden wichtige Nachrichten aus der Zeitung vorgelesen. Bisher habe ich jede Klasse der Schule eine Woche lang besucht. In dieser Zeit habe ich viel über das Schulsystem und den Unterricht für geistig und sprachlich eingeschränkte Kinder gelernt: In einem Zeitraum von drei Monaten bekommt jedes Kind fünf Kompetenzen, die es lernen muss und die anschließend geprüft werden. Deshalb wird auch nicht die gesamte Klasse, sondern jeder Schüler einzeln unterrichtet.

Die Köchin der Einsatzstelle kocht meist für alle Kinder. Mehrmals wöchentlich kommen jedoch auch Spender, die entweder das Essen bezahlt haben oder eigenes vorbeibringen, meist zu Geburtstagen, Hochzeiten oder anderen Feiern. Mir wurde erklärt, dass die Einsatzstelle auf die Essenspenden angewiesen ist, da es sonst unmöglich wäre, alles zu bezahlen.

Nach der Mittagsschule wird draußen getobt und gespielt. Die Kinder lieben Wettrennen, Fange und Tanzen, weshalb wir öfters kleine Tanzpartys veranstalten. Jedes Mal ein riesengroßer Spaß, der auch mich sehr glücklich macht, wenn ich die Kinder so fröhlich sehe.  Insgesamt wird es hier keinen Tag langweilig und mit den Kindern und anderen Mitarbeiterinnen gibt es immer viel zu lachen, da den Kindern doch sehr oft lustige Dinge passieren. Ich finde es wunderschön zu sehen, wie die Kinder ohne Spielsachen und allgemein ohne Luxus hier im Heim glücklich und fröhlich sind.  Vor dem Abendessen wird wieder gesungen und gebetet, danach schauen wir häufig fern und gegen 20- 20:30 Uhr helfe ich dabei, die Kinder fertig fürs Bett zu machen.

Sonntags gehen wir mit ca. 10 Kindern von 7 Uhr bis 8:30 Uhr in die Kirche, was bedeutet, dass ich ziemlich früh aufstehen muss, um meinen Saree, die traditionelle indische Kleidung, zu binden.  Zu Zwölft quetschen wir uns dann in eine Rikscha und es geht Richtung Kirche. Bisher war sehr häufig ein Singgottesdienst, was mir sehr gefällt, da ich von dem normalen Gottesdienst doch recht wenig verstehe.  Der Glaube ist in meiner Einsatzstelle und wie ich es von christlichen Inder/innen erfahren durfte, ein sehr wichtiger Bestandteil ihres Lebens.

Kinder mit Down-Syndrom werden in Indien häufig aufgrund ihrer Behinderung von der Gesellschaft ausgeschlossen. Da die meisten Familien aus armen Verhältnissen stammen, müssen die Eltern viel arbeiten und haben keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Außerdem fehlt das Geld für die medizinische Versorgung, weshalb die Kinder in einem Heim wie unserem wohnen. Der Heimaufenthalt wird von Pateneltern und Spenden finanziert.  Insgesamt leben 18 Kinder und Erwachsene mit Down-Syndrom bei uns.

Ich erlebe die Kinder hier als sehr fröhliche, offene, ordentliche und hilfsbereite Menschen. Viele Kinder können nicht sprechen, wodurch ich gelernt habe, wie wichtig Körpersprache und Körperkontakt sind. Sie gehen ausgesprochen gerne auf Menschen zu und sind äußerst interessiert an ihren Mitmenschen. Auch mich bringen sie jeden Tag zum Strahlen, da sie sich so sehr freuen, wenn ich mich mit ihnen beschäftige, die Kleinen auf den Arm nehme und mit ihnen spiele. Einige ältere Kinder helfen mit großer Freude und Sorgfalt in unserer Bäckerei mit oder stellen Fußmatten und Taschen her. Im Heim sind sie sehr fürsorglich, kümmern sich um andere Kinder und helfen mit beim Putzen, beim Waschen und dem Falten von gewaschener Kleidung.

Ich bin sehr glücklich ein Teil diese Hostelfamilie geworden zu sein und habe sowohl die Mitarbeiterinnen als auch die Kinder sehr lieb gewonnen.Wenn Sie mehr über meine Zeit hier in Indien wissen möchten, schauen Sie gerne auf meinem Blog vorbei: https://oefp-blogs.ems-online.org

[Veröffentlichung auf 46PLUS.de mit freundlicher Genehmigung von Lea Mayer – das Copyright liegt bei ihr]