Tim’s Schwester Lena berichtet:
Mal wieder hatte mich meine Mutter zu etwas gezwungen, was ich eigentlich gar nicht wollte. Ich mußte am 1. April 2011 mit zur Fahrrad-Verkehrserziehung von 46PLUS in die Gustav-Werner-Schule in Stuttgart-Rot.

Zuerst dachte ich an einen Aprilscherz ! Warum sollte ich mitmachen bei der Verkehrserziehung für Kinder mit Down-Syndrom ? Ich war mir sicher, daß mich das zu Tode langweilen würde !
Als wir am Schulparkplatz ankamen waren bereits schon einige Familien da.

Yannik, Timo, Reika, Tim und Naima kurvten mit ihren Rädern schon fleißig herum. Ich war erstaunt – die konnten ja alle ohne Stützräder oder sonstiger Unterstützung fahren ! Meine große Skepsis wich und machte einer kleinen Neugierde Platz.

Aber es sollte noch besser kommen ! Der Verkehrsübungsplatz an der Gustav-Werner-Schule ist unglaublich weitläufig, hat Zebrastreifen, Ampeln und noch vieles mehr. Alle Kinder mit und ohne DS fuhren begeistert die Straßen ab. Schon bald wurden wir dann von zwei Polizisten begrüßt. Herr Ruck erklärte uns, daß es für alle Verkehrsteilnehmer sehr wichtig ist, die Regeln zu kennen, da man ansonsten eine Gefahr für sich selbst aber auch für die anderen Verkehrsteilnehmer darstellt.

Auf dem Sportplatz wurden nun Pylone aufgestellt, um die wir Slalom fahren mußten. Noch einmal mehr war ich überrascht, wie toll das alle konnten. Meine Vorurteile hatten sich als falsch erwiesen. Die Kinder konnten genauso gut Slalom fahren wie ich ! Auch alle weiteren Übungen wie abbremsen und wieder anfahren, Handzeichen geben, punktgenau bremsen und langsam fahren ohne die Füße auf den Boden zu stellen waren überhaupt kein Problem.

Für Serge Yakpo wurde es ein besonderer Nachmittag. Die Polizisten hatten auch Laufräder, sprich Fahrräder ohne Pedale, dabei, nach kurzer Zeit allerdings war Herr Ruck davon überzeugt, daß Serge kein Laufrad mehr brauchte sondern Radfahren könne. Er schraubte ihm die Pedale wieder ran und „ruckzuck“ kurvte Serge ohne Hilfe über den Sportplatz. Serge`s Mutter Roswitha kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es dauerte nicht lange und Serge machte die Verkehrszeichen-Übungen auf dem Übungsplatz mit.
Nach einer kurzen Pause lernten wir das erste Verkehrszeichen, nämlich das
STOPP-Schild, kennen. Herr Ruck erklärte uns, daß wir an der Haltelinie mit beiden Füßen am Boden anhalten müssen, nach links und rechts schauen und erst, wenn kein anderer kommt, losfahren dürfen. Schon bald stellten wir eine normale Verkehrssituation nach. Die einen Kinder kamen mit ihren Rädern von links und hatten trotzdem Vorfahrt, die anderen an der Stopp-Stelle mußten warten.
Auch die weiteren Schilder „Vorfahrt“ und „Geradeaus“ begriffen wir alle sofort.
Es war ein sehr kurzweiliger Nachmittag für mich und als dann noch Herr Ruck erklärte, daß er seinen Unterricht genauso wie immer, also wie bei meiner Fahrradprüfung in der 4. Klasse, gemacht habe, war ich mächtig stolz auf meine Mitstreiter mit einem Chromosom mehr.
Wie schon oft in meiner Karriere als Down-Syndrom-Schwester erhielt ich die Erkenntnis, die Kids können genau dasselbe wie alle Kinder, manchmal halt ein bißchen langsamer und ganz arg oft sogar noch viel besser als wir 46-Chromosomler.