Krippe setzt andere Anreize als das eigene Kinderzimmer
Sie ist prächtig gelaunt an diesem Wintermorgen, die zweijährige Helena. Ein paar Sonnenstrahlen stehlen sich in das helle Zimmer mit dem leuchtend gelben Teppich, wo das Mädchen mit den roten Pausbacken neugierig nach dem klingenden Glöckchen am Organzatuch greift, das von der Decke hängt. Als das problemlos klappt, gluckst sie erfreut. Dann ist das Tuch uninteressant, die zwei großen Lego-Bausteine in ihren Händen sind spannender. Jelena Kruselj sieht Helenas Tun aufmerksam zu und gibt ihr ab und an Hilfestellung. Schließlich versucht sie erfolgreich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Tuch mit dem Glöckchen zu lenken.
Was wie ein Spiel aussieht, verfolgt gleich mehrere Ziele: Helena soll lernen, sich auf eine Sache zu konzentrieren und gleichzeitig Wille und Muskulatur mobilisieren. Letztere ist bei ihr besonders schwach ausgebildet: denn Helena ist ein Kind mit Down-Syndrom. Als solches benötigt sie gezielte Förderung, um sich körperlich gut zu entwickeln. Wie die meisten ihrer Altersgenossen mit derselben Genveränderung erhält sie diese nicht daheim, sondern in der Krippe. Als erstes Kind unter drei Jahren, das im Kreis Rottweil täglich eine öffentliche Einrichtung besucht, wird sie knapp vier Stunden in der Woche zusätzlich von der Heilpädagogin Jelena Kruselj betreut.
Heilpädagogin gibt wertvolle Tipps
Für die Erzieherinnen der Krippe im Kindergarten auf der Charlottenhöhe ist das eine wertvolle Hilfe. Keine Sekunde hätten sie gezögert, als Christina Oelze vor rund einem Jahr gefragt habe, ob ihre Tochter Helena mit 18 Monaten in die Krippe aufgenommen werde, erinnert sich Leiterin Simone Jauch. Doch bis Kruselj im vergangenen September die Förderstunden aufnahm, seien sie immer wieder unsicher gewesen, ob sie alles richtig machten. Kruselj bringt für das Erzieherinnenteam in der zweigruppigen Krippe mit 20 Kindern in zweifacher Hinsicht Erleichterung: Zum einen bestärkt und ermutigt sie die Frühpädagoginnen und gibt wertvolle Tipps zur Förderung und Entwicklung. Zum anderen holt sie Helena alleine oder mit zwei bis drei weiteren Kindern aus der Gruppe: Das schafft Freiräume für die anderen Knirpse.
Denn ein Kind wie Helena macht mehr Arbeit als die anderen, gesteht Jauch ein. Nicht an Tagen, an denen sie so gut gelaunt sei wie an diesem. Eher an jenen, an denen sich sehr anhänglich zeigt. Dann müsse eine Erzieherin sie schon einmal den ganzen Vormittag auf dem Arm tragen. Das koste Kraft. Denn die anderen neun Kinder in der Gruppe verlangten ebenfalls ihr Recht.

Doch Jauch sieht weniger die Schattenseiten als das Positive an Helenas Integration in die Kinderkrippe: „Die Kinder profitieren sehr voneinander“, unterstreicht sie. Und erzählt, wie alle auf Helena aufpassen, etwa darauf achten, dass sie keine Kastanien in den Mund nimmt, und ihre Entwicklungsverzögerungen als selbstverständlich annehmen. Für Jauch ist klar: Sie würde jederzeit wieder ein Kind mit Behinderung aufnehmen. Mit einer Einschränkung: nicht mehr als eines pro Gruppe.
„Gelungener Krippeneinstand ein Glücksfall“
Im Landkreis Rottweil ist Helena das erste Kind unter drei Jahren, das während des Besuchs der Kinderkrippe eine pädagogisch begleitende Hilfe genehmigt bekommen hat. Rund 40 über drei Jahre alte Kindergartenkinder nutzen indes bereits die vom Gesetzgeber geschaffene Möglichkeit der zusätzlichen Förderung. Für unter Dreijährige besteht seit zwei Jahren eine Kann-Regelung. In Helenas Fall sei das Sozialamt des Landkreises sehr entgegenkommend gewesen, erklärt August Unterreitmeier, Fachleiter bei der Ökumenischen Kinder- und Jugendförderung in Rottweil. Das Gesundheitsamt habe den Antrag der Eltern zudem unterstützt. Der diplomierte Heilpädagoge betrachtet die Integration behinderter Kinder als richtigen Weg zur Auflösung der bisher häufig bestehenden Ghetto-Situation der Betroffenen. Möglich machen das vor allem die Erzieherinnen, hebt er hervor. Sie seien offener geworden, seien bereit, Strukturen zu ändern und umzudenken.

Das Ehepaar Oelze betrachtet den gelungenen Einstand ihrer Tochter in der Kinderkrippe als Glücksfall. Helena hat die Chance, mit den Kindern aus der Nachbarschaft zusammen aufzuwachsen und normal dazuzugehören. Kaum in der Krippe, sei sie sofort viel mobiler geworden. „Die Krippe liefert deutlich mehr Eindrücke und neue Anreize als das eigene Kinderzimmer“, sagt Christina Oelze. Und nicht zuletzt die anderen Kinder, die viele Dinge vormachen. Da sei die Lust, zu krabbeln oder gar zu laufen, doch stärker als daheim. Jetzt hoffen die Eltern, dass Helena im nächsten Jahr auch in den Regelkindergarten auf der Charlottenhöhe gehen kann. Wenn die Krippenkameraden den Schritt in die nächste Einrichtung auch schneller machen, sieht Helena sie dennoch weiterhin: beim Spielen im gemeinsam genutzten Garten.
Foto 1: Vielfältige Fingerspiele gehören zum Übungsprogramm, mit dem Heilpädagogin Jelena Kruselj die zweijährige Helena Oelze zweimal wöchentlich fördert.
Foto 2: Vergnügen haben beide am Abschiedsritual: Heilpädagogin Jelena Kruselj beim Pusten und Helena Oelze beim Fangen der schillernden Seifenblasen.
Fotos: Elke Reichenbach
Elterngruppen zum Down-Syndrom:
Eltern von Kindern mit Down-Syndrom
VS-Villingen, Kontakt: Ulrike Münch, Tel. 07721/52034 E-Mail: Ulrike.Muench@villingen-schwenningen.de
Eltern von Kindern mit Down-Syndrom - Kleinstkinder
VS-Villingen, Kontakt: Kirsten Henschen, Erikaweg 8, Tel. 07721/4048025
St.Georgen/Königsfeld, Kontakt: Hertha Potschaske, Tel. 07725/3455 E-Mail: med@senkrecht.com