Eintauchen in eine andere Welt oder Ein Tatort mit außergewöhnlichem Schauspieler
Samstag, Juni 27th, 2009 | Author: Martin
Vor 10 Jahren, als unser Sohn Tim mit dem Down-Syndrom geboren wurde, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich es einmal gerade dieser Tatsache zu verdanken haben würde, dass ich bei Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm hautnah dabei sein könnte. Wir haben dadurch die schönste Zeit unseres Lebens erlebt, seit Tim auf der Welt ist. Dank der spannenden Arbeit bei 46PLUS Down-Syndrom Stuttgart e.V. habe ich ja schon viele tolle Projekte gemeinsam mit meinen engagierten Mitstreitern Conny Wenk, Petra Hauser, Simone Kollberg und den vielen fleißigen, tatkräftigen Helfern mit auf die Beine gestellt. Genannt sei hier vor allem unser Prominentenkalender 2007. Bereits hier hatte ich ja Kontakt zu der etwas anderen Welt der Prominenten. Aber das war – wie gesagt – kein Vergleich zu diesem Erlebnis.
Aber nun mal ganz langsam von vorne:
Irgendwann im Januar klingelte bei Frau Halder im Infocenter das Telefon und am Apparat war der SWR, der auf der Suche nach einem Jungen mit Down-Syndrom im Alter von ungefähr 7 Jahren war. Das Drehbuch des nächsten zu drehenden Stuttgarter Tatorts mit Richy Müller und Felix Klare sah vor, dass der Sohn der Familie, um die sich die Geschichte dreht, Down-Syndrom hat. Da sie gerne einen „Stuttgarter Jungen“ hätten, wandte sich Frau Halder an Conny Wenk und bat diese, doch den Kontakt zwischen SWR und den in Frage kommenden Familien herzustellen. Und so rief der SWR auch bei uns an und lud uns zum Casting nach Baden-Baden ein. Ende Januar machten wir uns also auf in die Kurstadt, um dort beim Casting den Regisseur, seinen Assistenten und die Kamerafrau kennen zu lernen. Gleichzeitig erfuhren wir näheres zum Drehbuch, das uns sehr gut gefiel. Es handelte sich um einen Tatort, bei dem kein Blut fließen würde und die Szenen, die Tim zu drehen hätte, wären lauter Alltagsszenen.
So fuhren wir nach dem Casting wieder nach Hause, in keinster Weise überzeugt davon, dass Tim der Richtige für die „Menschen vom Film“ wäre. Aber er war der Richtige! Ein paar Tage später klingelte wieder das Telefon und der SWR teilte uns mit, dass sie gerne Tim für die Rolle des „Olli“ hätten.
Tja und nun ging es so richtig los! Zunächst wurde für Tim ein Schauspielcoach engagiert, der zum einen mit ihm die einzelnen Szenen üben sollte und zum anderen – was zunächst viel wichtiger war – ihm klarmachen sollte, dass er Tim ist und der, den er spielen sollte, Olli heißt. Und Olli hat eine Mami, einen Papa, eine Schwester, eine Omi und einen Opa, die aber nicht Tims sind. Es war zwar schwierig, aber irgendwann ist ihm das dann auch ganz gut gelungen.
Um Tim an das besondere Flair zu gewöhnen, fuhren wir zweimal zum Hauptdrehort nach Karlsruhe. Dort lernte er zum einen die anderen Schauspieler zum anderen das Geschehen beim Drehen kennen. Es kam eine wilde Zeit des Fahrens zwischen Stuttgart, Karlsruhe, Baden-Baden, Kuppenheim und Stuttgart.
Und am 2. März war dann Tims erster Drehtag! Wie aufregend! Auf jeden Fall war ich zunächst nervöser als er. Anfänglich war er noch sehr zurückhaltend und es war auch schwierig, ihn dazu zu bringen, dass er den Olli jetzt spielen sollte. Aber das gesamte Team war so geduldig und einfach so nett, allen voran der Regisseur Eoin Moore. Er verstand es dermaßen gut auf Tim einzugehen und ihn aus der Reserve zu locken. Keiner der anderen, so sympathischen Schauspieler oder der SWR-Teamler hatte ein Problem damit, dass Tim eben manchmal mehr Zeit brauchte. Ich hörte kein böses Wort oder auch mal nur ein Stöhnen. Und wenn´s die Mittagspause kostete, weil „Olli“ sich nicht entschließen konnte, laut „Leonie“ zu rufen. Und wenn es nicht anders ging, so wurde die Szene kurzerhand umgeschrieben, so wie „Olli“ es eben haben wollte.
Tims Schauspielkollegen waren so offen und interessiert. Ich kann es gar nicht in Worte fassen, was diese Wochen, in denen wir „beim Dreh“ waren, in mir bewirkt haben. Ich bilde mir ein, dass ich die Tatsache, dass Tim außergewöhnlich ist, soweit gut verarbeitet habe, aber seit dieser Zeit, ist es nochmals anders. Es war Tim, der mir das gegeben hat. Er mit seinem Wesen. So wie er ist. Er hat dort alle verzaubert!
Wir sind an den einzelnen Drehtagen am Set angekommen und Tim wurde von allen Seiten stürmisch begrüßt. Ich weiß nicht, wie viele „high fives“ er währenddessen gegeben hat! Es war die reine Freude zu erleben, wie Tim von Drehtag zu Drehtag offener und selbstbewusster wurde. Er war immer ein eher schüchterner und zurückhaltender Junge, aber seit dem Tatort-Erlebnis wird er immer stärker!
Es waren insgesamt 8 Drehtage. Jeder einzelne hatte sein eigenes Event. So hatten wir z.B. an einem Tag eigentlich keinen Dreh, aber dann klingelte morgens das Telefon. Die Aufnahmeleiterin war dran und bat uns doch zu kommen. Sie hätten eine Szene umgeschrieben, weil der Regisseur meinte, in diese Szene gehöre auch „Olli“ rein. Also schwangen wir uns ins Auto und brausten nach Karlsruhe. An einem anderen Tag hatten wir einen Nachtdreh. Zu der Zeit, zu der Tim normalerweise ins Bett geht, ging´s erst richtig los. Ich hatte ein wenig Panik, weil es der Dreh mit dem meisten Text für Tim war. Wie sollte er das schaffen? Wie? Gar kein Problem! Einfach locker und easy. Mit einem Strahlen im Gesicht fragte er immer wieder den Regisseur: „ Was soll ich machen?“ oder „Was muss ich sagen?“ Sensationell!
Am letzten Drehtag musste ich schwer mit den Tränen kämpfen, weil diese schöne Zeit nun vorbei sein sollte. Tim wurde in großer Runde mit tosendem Applaus verabschiedet. Er wurde von Arm zu Arm gereicht, hochgeworfen und richtig gefeiert. Jeder einzelne wollte sich nochmals persönlich von ihm verabschieden.
Wir werden diese tolle Zeit niemals vergessen und damit auch die Schauspieler und das SWR-Team sich immer an Tim erinnern werden, haben wir jedem zum Abschied unser Buch „Außergewöhnlich“ geschenkt! Ich möchte mich nochmals bei allen Beteiligten bedanken für dieses unbeschreibliche Erlebnis!
Heute warten wir sehnsüchtig auf die Erstausstrahlung „unseres Tatorts“. Leider wird er voraussichtlich erst Anfang 2010 über den Bildschirm flimmern. Also, wen´s interessiert: im nächsten Jahr besonders gut die Fernsehzeitschrift studieren. Eines haben wir ja dank Tim glücklicherweise auch gelernt: Geduld!
Maren Krebs






