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Mami! Hab’ doch ein bisschen Mut!

Sonntag, November 30th, 2008 | Author: 46PLUS


Was macht man an einem schönen Herbsttag, an dem schulfrei ist, weil sich die Lehrer pädagogisch weiterbilden und sogar zufällig der Papa Urlaub hat? Richtig! Man packe die ganze Familie ins Auto und fahre nach Tripsdrill! Das Gute an einem solchen Tag, ist die Tatsache, dass man bei keinem der Fahrgeschäfte lange warten muss, weil eigentlich nichts los ist. Das Schlechte an einem Tag, an dem nichts los ist, ist die Tatsache, dass man dauernd in irgendwelche mörderischen Fahrgeschäfte steigen muss, die man eigentlich lieber gar nicht betreten möchte. Denn schließlich hat man ja die Verantwortung für seine Kinder, will sie keinen Gefahren aussetzen und sie beschützen. Fragt sich nur, wer hier wen beschützt hat!? Aber mal langsam und ganz von vorne….

Also, eines schönen Herbsttages fuhren wir alle vier nach Tripsdrill. Tim (9 Jahre mit Down-Syndrom) und Sina (4 Jahre ohne Down-Syndrom) waren schon voller Vorfreude, so dass sie nach 10 Minuten Fahrtzeit fragten, wann wir denn endlich da seien. Wie immer!

Kaum in Tripsdrill angekommen, rasen sie Richtung Altweibermühle! „Mensch, Mami, die rutscht ja gar nicht richtig. Ist ja voll langsam!“, beschwert sich Tim. „Puh! Gott sei Dank!“, denke ich. Im letzten Jahr hätte es mein Männlein nämlich beinahe aus der Kurve getragen, weil er so leicht ist. Nach einer gemütlichen Spritztour über den Mühlensee und einer Verjüngungskur in der Altmännermühle, geht´s weiter zum Seifenkistenrennen! Das ist harmlos! Sogar Sina kann das mit ihren 4 Jahren ohne Probleme fahren, denn schließlich handelt es sich um irgend so ein Magnetdingens, das quasi von allein gemächlich seine Runde fährt. „Jetzt will ich aber Power!“ OK, dann lass uns jetzt erst mal ganz nach hinten gehen, zu den großen Fahrgeschäften, bevor es am Nachmittag dort doch noch voll wird. Zuerst rennen wir über die Hängebrücke! Was ein Jahr manchmal so ausmachen kann. Ich kann mich noch erinnern, dass Tim dort im letzten Jahr den totalen Stau verursacht hat, weil er sich noch so recht drüber getraut hat. Jetzt war er derjenige, der im Affenzahn drüben war und weil man ja keine Zeit hat, gleich noch die 5 Stufen am Ende der Brücke in einem Satz unten war. Mutters Herz bleibt vor Schreck fast stehen. Wenn ich allerdings gewusst hätte, was noch auf mich zukommen sollte, hätte ich hier nur gegrinst. Also, nach der Brücke gleich links rüber zum Waschzuber-Rafting. Sieht ja ganz harmlos aus. Vielleicht wird man ein bisschen nass, aber es ist ja warm. Rein da! Wir rasen den Eingang durch bis zum Einstieg. Wir kommen an Schildern vorbei, die einen ahnen lassen, wie voll es hier sein kann: „Ab hier noch 45 Minuten!“ „Los, Mami, beeil Dich mal!“, höre ich schon wieder! „Habe ich mich heute schon einmal nicht beeilt?“, frage ich mich. Es wird eine lustige Fahrt im Waschzuber durchs Wildwasser unter einem Wasserfall durch, an der Wasserkanone vorbei (aber die Leute, die dort stehen, sind gnädig) und schon geht´s durch ruhiges Gewässer wieder zum Ausstieg. Während ich verzweifelt versuche Sinas Brille aus einer Lücke im Waschzuber zu fischen, überlege ich mir, was jemanden dazu bringt, eine Stunde anzustehen, um hier 3 Minuten zu fahren.
„Gehen wir jetzt zur Wasserrutsche?“Ja, da gehen wir jetzt hin.“, sage ich, denke aber bei mir, „aber wir fahren es nicht!“ Denkste, zum Glück ist ja Papa dabei. Der ist so verrückt, sich mit seinem nun gar nicht mehr zu bremsenden Sohn da rein zu setzen, um im freien Fall mit 60 km/h nach unten zu stürzen! Sina und ich warten gespannt, bis sie wieder rauskommen. Ich denke, Tim ist sicherlich leichenblass und hat nun Angst. Angst? Was ist das? „Gehen wir jetzt da rüber?“, fragt Sina. „Ja, komm, lass uns mal gucken, was das ist!” „Och nöö, da will ich nicht hin!“ Ja!!! Er ist kuriert!

Da sagt Papa: „Komm, ich möchte mir das mal angucken.“ „Das“ ist die neue Mammut- Holzachterbahn. Sie erinnert irgendwie an amerikanische Verhältnisse en miniature. Zum Glück möchte Tim da nicht fahren! Aber Papa sagt, „Ich fahr mal!“ Es dauert genau 10 Sekunden, bis Tim losrennt, kurz an der 1,20m-Abmessung überprüft, ob er mitfahren darf und dann hinter Papa herrennt: „Warte, ich komm mit!“ „Um Gottes Willen! Das geht doch nicht!“, denke ich, aber Tim ist schon durch die Absperrung. Ich suche mir mit Sina ein gutes Plätzchen zum Beobachten und warte gespannt! „Da kommen sie!“, ruft Sina, und ich sehe zwei lachende, mir gut bekannte Gesichter, den Weg nach oben rattern. Jetzt sind sie oben! Und ab geht die Fahrt! Runter, rauf, hin und her, sogar unter die Erde! „Aber da sind doch Regenwürmer, Schnecken und Maulwürfe!“ „Was? Nein, Sina, das ist ein Tunnel, der ist aus Beton gebaut. Da sind keine Würmer mehr.“ Schon winken mir zwei strahlende Männer mit leicht veränderter Frisur zu. Sie stehen begeistert vor der Videowand und sehen sich ihre Fahrt an.

„Ich will nochmal fahren!“

„Los, Maren, fahr mal. Das ist voll gut!“

„Ich? Nie im Leben!“

„Bitte, Mami!“

„Nee!“

„Jetzt komm halt!“

„Mami, Mami, Mami!“

„OK!“

Habe ich gerade OK gesagt? Bin ich denn wahnsinnig? Schon laufe ich mit Tim Richtung Einstieg. „Oh, Timi, ich habe Angst!“ „Ach was, Mami! Hab doch mal ein bisschen Mut! Ich pass auf Dich auf! Außerdem ist da so ein Ding. Da macht man so!“ Tim zeigt mir, wie der Sicherheitsbügel einrastet. Na, danke! Da bin ich aber froh! Plötzlich sitze ich in diesem Gefährt. Panik überkommt mich! Ich möchte raus! Ich mache mir beinahe ins Hemd! Wir tuckern nach oben. Bei meinem einzigen kurzen Blick nach unten sehe ich meinen Mann und meine Tochter fröhlich winkend da unten stehen. Ob ich sie jemals wiedersehen werde? Zumindest während dieser Fahrt nicht! Ich schließe die Auuuuuuuuuugeeeeeeeeeen! Und höre mich immerzu nur schreien. Und was macht Tim? Er lacht sich halb tot! Erst auf dem Video sehe ich, wie mein Leichtgewicht durch die Kräfte, die während der Fahrt wirken, immer wieder nach vorne unten gedrückt wird. Aber er lacht und lacht und lacht! Gott sei Dank! Das Ding steht! Ich atme auf! Und höre: „Nochmal!!!!!“ „OK, dann möchte ich nochmal Wasserrutsche fahren!“ Hilfe! Ist denn dieser Kerl nicht klein zu kriegen? Nachdem Mutter und Vater irgendwann wegen Übelkeit streiken, ziehen uns die Kinder zurück in den „harmloseren“ Teil des Parks. Andreas und ich schleichen nur noch von Bank zu Bank! Tim und Sina haben uns klein gekriegt. Wir können nicht mehr. Und was macht Tim? Er fährt alleine noch 3 – 4 Mal Seifenkiste und die Mühlbachfahrt. Zum Schluss geht´s nochmals in die Altweibermühle, die in der Zwischenzeit solch einen Speed drauf hat, dass es unser Kerlchen beinahe doch noch aus der Kurve trägt. Aber egal! Denn Angst, Angst hat er hier keine! Er ist so begeistert dabei, dass ich mir wünschen würde, diese Begeisterung würde sich auch in den Alltag übertragen lassen. Schade, dass er hier nicht immer dasselbe Selbstbewusstsein zeigt, das Tripsdrill in ihm hervorgerufen hat. Vielleicht sollten wir uns doch solch eine Mammutbahn in den Garten stellen!

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Category: Kolumne

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