Der offene Brief
Samstag, März 15th, 2008 | Author: martin.wenk

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster,
Sie betonen immer wieder, dass Stuttgart die kinderfreundlichste Stadt der BRD werden soll. Manchmal habe ich das Gefühl, dass alles andere in Stuttgart wichtiger ist als Kinder!
Zum Beispiel die Fahrrad-WM, die vor ein paar Wochen in vielen Teilen Stuttgarts Straßen und sogar öffentliche Verkehrsmittel blockierte. Haben Sie bei der Planung auch nur einen Gedanken an die Kinder verschwendet, die eigentlich während des Großteils der Veranstaltung in der Schule sein sollten – sofern diese zu erreichen war bzw. überhaupt Unterricht stattfand?
Mein 9-jähriger Sohn Felix gehört zu den Kindern, die es in Stuttgart sowieso meist viel schwerer haben wie überall anders in Deutschland. Er hat Down-Syndrom, und um ihm die in Stuttgart sehr seltene Möglichkeit der integrativen Beschulung zu ermöglichen muss er täglich 3 Stunden mit dem Schulbus quer durch Stuttgart fahren. Ich empfinde das schon unter normalen Bedingungen als eine Zumutung.
Aber während der Rad-WM wurde das alles noch übertroffen:
Um von der Rosenschule in Zuffenhausen (wo seine Klasse der Gustav-Werner-Schule mit einer Grundschulklasse kooperiert), bis zu uns nach Stuttgart West war mein Sohn 2 Stunden und 45 Minuten für eine Strecke unterwegs! Von Zuffenhausen nach Stuttgart West! Und das nach einem Schultag, der bis nach 15 Uhr dauerte.
Er kam vollkommen verstört, zitternd, hungrig, ängstlich und weinend nach hause. Er hatte vor lauter Erschöpfung Durchfall gehabt – aber wie Sie wissen sind die Schulbusse für Sonderschüler sehr spartanisch, hier gibt es kein Klo und so blieb ihm nichts anderes übrig als in die Hose zu machen. Welche Demütigung für ihn! Nachdem ich ihn ausgiebig geduscht hatte, war er vollkommen deprimiert und immer noch weinend ins Bett gefallen!
Finden Sie das kinderfreundlich? Hätten nicht wenigstens die Fahrdienste besser informiert werden können, wann und wo mit welchen Behinderungen zu rechnen gewesen ist?
Mir graust schon jetzt davor, wenn Felix und seine Freunde nächsten Sommer wieder bei brütender Hitze in uralten Bussen ohne Klimaanlage stundenlang herumkutschiert werden.
In einer Stadt, in der man wirklich alle Kinder freundlich behandeln möchte, darf so etwas nicht passieren.
Über eine Stellungnahme würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Christine Martin

