Die Bilderstürmer
Wie die Elterninitiative 46plus durch einen Fotokalender mit Vorurteilen gegenüber dem Down-Syndrom aufräumt. Und dafür jede Menge Prominente von Harald Schmidt bis Maria Furtwängler gewinnen konnte.
Manchmal rauscht das Leben einfach an einem vorbei. Und man sucht verzweifelt nach dem Notausgang. Conny Wenk überlegte schon, wie sie aus der peinlichen Situation wieder rauskommen könnte, überschlug kurz, wer schon alles vom schönen, aber nun in weite Ferne gerückten Kalenderprojekt wusste.

Aber die Fotografin hatte die Rechnung ohne die kleine und große Männer verbindende Macht des Fußballs gemacht. Denn da war Tim (7), der an diesem Februartag ausnahmsweise wenig Lust auf Rumtoben und Quatschmachen hatte. Und da war Walter Sittler, der Mann aus dem Fernsehen. Beide sollten sie gemeinsam auf ein Foto. Der Große hatte damit auch keine Probleme. Aber der Kleine, der fremdelte heftig. Conny Wenk, die Kamera im Anschlag, Tims Mutter und dem Schauspieler war klar: Das kann dauern. Wenn überhaupt noch was geht. Denn das Ende von Walter Sittlers Drehpause rückte näher. Aber dann saß der Schauspieler irgendwann doch mit Tim auf dem gefliesten Boden des Stuttgarter Kunstmuseums und schnippte mit seiner Kreditkarte Geldstücke hin und her - wie auf einem Minifußballfeld. Tim kroch immer näher an Walter Sittler heran. So lange bis es schließlich mit dem Foto mit Tim als Arzt und TV-Arzt Sittler als Patienten doch noch klappte.
Conny Wenk atmete tief durch. Die zweifache Mutter, selbst Gründungsmitglied der Elterninitiative 46plus, hatte die ersten Bilder für das Mammutprojekt des Vereins im Kasten. 13 weitere turbulente Begegnungen sollten folgen. 14 Kinder mit Downsyndrom fuhren mit ihren Eltern und Conny Wenk kreuz und quer durchs Land, um sich mit Promineten fotografieren zu lassen: Nach Künzelsau zum Schraubenkönig Reinhold Würth, nach Tonbach zu Sternekoch Harald Wohlfahrt, nach München zu Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler. Sie trafen sich auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof mit den Musikern der Massiven Töne oder stiegen zur Bantam-Boxweltmeisterin Alesia Graf in den Boxring. Richtige Gute-Laune-Termine waren das. Und nicht immer war ganz klar, wer mit wem um die Wette blödelte. Unternehmer Reinhold Würth etwa, eigentlich ein gesetzter Herr mit Professorentitel, begann mit Yannik (7) einen Wettbewerb, wer die Zunge am weitesten rausstrecken kann. Das waren die Sternstunden. Sie entschädigten für schlechte Lichtverhältnisse, Viertelstunden-Zeitfenster der Promis oder endloses Briefeschreiben, nervenaufreibende Sponsorensuche, turbulente Layoutsitzungen und das Bangen, ob das Geld auch reicht. Und das waren auch die Momente, in denen allen klar wurde, dass ihre Pläne hier genauso Gestalt annahmen, wie sie es sich gewünscht hatten. Luftig, leicht und lustig. Ohne die Schwere des Seins.
Wie im Ballettsaal. Dort traute sich dann auch die elfjährige Sophie den Ersten Solisten des Stuttgarter Balletts zur Grillparty einladen. Aber das darf man eben, wenn man mit Jason Reilly schon mal im Probensaal das "Dornröschen" getanzt hat.
Und wenn das Eis so riesig groß ist, dann ist es auch völlig okay, wenn man die zwölf Kugeln halb auf dem Schoß von Harald Schmidt sitzend verspeist. Auch wenn's fast zwei Stunden dauert. So hat das jedenfalls Jakob (7) getan und niemand fand etwas dabei. Und während die Erwachsenen über Gott und die Welt, die Menschen und das Leben mit Kinder mit Downsyndrom redeten, legte 1,94-Meter-Mann Schmidt den Arm fürsorglich um den Kleinen, damit der nicht vom Stuhl purzelte. Als sei's die normalste Sache der Welt.

Und genau darum geht es. Um Normalität. Um Kinder und Eltern, die mitten im Leben stehen. Um Kinder, die mal knatschig sind, die aber mindestens so oft gutgelaunt durchs Leben laufen - und manchmal zur Krankengymnastik gefahren werden müssen. Der Vereinsname 46plus ist dabei natürlich mit Bedacht gewählt. 46 Chromosomen hat der Durchschnittsmensch. Die 46plus-Kinder haben eines mehr, das 21. Chromosom tragen sie gleich dreimal in jeder Körperzelle. Doch mehr zu haben als die anderen, ist in dieser Gesellschaft ja durchaus erstrebenswert. Mit dieser Doppeldeutigkeit spielen die Eltern von 46plus ganz bewusst. Manchmal bedarf es eben nur einer kleinen Blickkorrektur, um ein Weltbild ins Wanken zu bringen. Jammern ist nicht mehr, haben sie sich ins Stammbuch geschrieben. Kämpfen hingegen schon. Diese Mischung macht die Qualität und den Charme dieser Initiative aus.
Mit der gleichen Unvoreingenommen mit der Tim, Sophie, Yannik und Jakob den Stars aus der Welt der Erwachsenen bgegneten, soll die Welt mit Kindern mit Downsyndrom umgehen. Sie soll sie nicht in Schulen packen, an denen das Etikett "Für Geistigbehinderte" klebt, wünscht sich etwa Jakobs Mutter Stephanie Sproll.
Aber wenn's so einfach wäre, würden die Väter und Mütter bei der Initiative 46plus nicht so wirbeln. Denn natürlich machen sich die Menschen in einem fort Bilder von der Welt und packen ihr Gegenüber in Schubladen. Auch für Kinder mit Downsyndrom gibt es eine. Sie sind für viele die Kinder mit Topfhaarschnitt, Rotznase und Wollstrumpfhose, die man lieber nicht vorzeigt und über die es nur wenig mutmachende Literatur gibt. Das macht Conny Wenk immer wieder aus Neue wütend.
Selten ist sie ohne Kamera unterwegs. Die Fans ihrer Fotos sagen, sie könne Kindern in die Seele schauen. Sie selbst sagt energisch: "Die alten Bilder in den Köpfen müssen durch neue ersetzt werden." Die 39-Jährige setzt der trostlosen Betroffenheitsfotografie eine bunte, überhaupt nicht oberflächliche, ganz einfühlsame Welt entgegen. In ihr gibt es nun lebenshungrige, neugierige und tobende Kinder. Deshalb ist die Geschichte so schön, die Conny Wenk zum Schluß noch erzählt. Eine junge Frau aus Leipzig hatte sich bei ihr gemeldet, weil sie der Stuttgarterin von ihrem ungeborenen Kind erzählen wollte. Eddy heißt der Kleine, der nun längst geboren ist. Hätten seine Eltern nicht die für sie richtigen Gesprächspartner gefunden und die richtigen Bilder zu rechten Zeit gesehen, gäbe es Eddy gar nicht. Denn Eddy ist ein Kind mit Downsyndrom.
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