Tim rutscht runter und sein Selbstbewusstsein wächst
Seit kurzem besucht ein dreijähriger Fellbacher den Emil-Bitzer-Kindergarten - Das Besondere daran ist, dass der Junge das Downsyndrom hat
Fellbach. Seit drei Wochen geht Tim in den Emil-Bitzer-Kindergarten. Das ist insofern besonders, als der Dreijährige das Downsyndrom hat. Die Erzieherin Julika Vetterle ist nur für ihn da. Sie übt mit ihm, seine Vesperdose zu öffnen. Und sie hilft ihm, Freunde zu finden.

Tim schiebt die rote Plastikschaufel in den Haufen und lässt den Sand dann langsam hinunterrieseln. Er beugt sich über den Tischsandkasten. Mit einem Eimer und drei Schalen geht er auf Schatzsuche. Julika Vetterle sitzt ihm gegenüber und beobachtet den Dreijährigen. Drei Minuten später hat der Kleine das Interesse an dem Becken verloren. Er steht auf und hat das Spielzeug schon vergessen. Julika Vetterle nicht. "Tim, räum' das doch bitte noch auf", erinnert sie ihn.
Kinder räumen für gewöhnlich ungern auf. Beim kleinen Tim kommt noch etwas anderes hinzu. Er hat das Downsyndrom. Was seinen Altersgenossen leicht von der Hand gehen mag, das muss sich Tim erst erarbeiten. Und um ihm dabei zu helfen, dafür ist Julika Vetterle da. Die Heilerziehungspflegerin erklärt dem Jungen immer wieder, dass er die Autos und Puppen aufräumen soll, wenn sie ihn langweilen. Und sie übt mit Tim Alltägliches. Wie zum Beispiel "die Vespertasche und dann die Vesperdose aufzumachen. Man muss ihm die Strukturen klarmachen", erklärt Julika Vetterle, "und das klappt überraschend gut."
Seit drei Wochen besucht Tim - als einziges behindertes Kind - den evangelischen Emil-Bitzer-Kindergarten in Fellbach. Viermal die Woche bringt ihn seine Mutter Simone Kollberg hin. An drei Vormittagen ist Julika Vetterle dabei. Als Integrationskraft, wie ihr Job im Amtsdeutsch heißt. Sie wird Tim während seiner Kindergartenzeit begleiten. Abgesehen davon, dass Julika Vetterle ihrem Schützling die kleinen Dinge des Alltags beibringt, vermittelt sie zwischen ihm und den anderen Kindern.
Dass Tim mit den Mädchen und Jungen aus seiner Gruppe spielt, versteht sich nämlich nicht von selbst. "Er findet nur schwer in sein Spiel, wenn andere Kinder spielen", sagt Julika Vetterle. Er ist dann viel zu sehr damit beschäftigt, die anderen zu beobachten. Außerdem: "Tim hat nicht so die Spielidee." Das heißt, er ist nicht der Bestimmer, der die anderen mitreißt. Dass Tim anders ist, merken die anderen. "Aber sie verurteilen es nicht", sagt Julika Vetterle.
In den vergangenen Wochen hat sich Tims Leben verändert. Dass er nun ein Kindergartenkind ist, merkt man dem Jungen an, sagt die Mutter Simone Kollberg. "Er wächst in seinem Selbstbewusstsein." Das fällt ihr beispielsweise dann auf, wenn ihr Sohn auf dem Hosenboden die Rutsche hinunterflitzt. Im Frühjahr hatte er sich das noch nicht getraut. "Er guckt sich viel bei den anderen ab." Diese mutigen Momente bestärken Simone Kollberg darin, sich richtig entschieden zu haben.
Dass Tim in den normalen "Kindi" geht, "das ist so peu à peu gekommen", sagt die Mutter. Die älteste Tochter war ebenfalls im Emil-Bitzer-Kindergarten. Daher kannten die Erzieherinnen die Fellbacher Familie. Bis das Sozialamt eine Extrabetreuerin wie Julika Vetterle genehmigt, sind einige bürokratische Hürden zu nehmen. "Es muss ganz genau beschrieben werden, wo das Kind steht." Ein kinderpsychologisches Gutachten ist ausschlaggebend dafür, wie viele Wochenstunden die Behörde bewilligt.
Wenn Tim "aba" sagt, dann meint er "Auto". Und "essa" heißt "Essen", übersetzt Julika Vetterle. Menschen mit dem Downsyndrom "sprechen tendenziell schlechter". Ja, sagt Simone Kollberg, "die Mundmotorik ist beeinträchtigt". Sie bringt ihren Sohn zum Logopäden und zur Physiotherapie. So wie gesunde Kinder wird er aber vermutlich nie plappern. Tim hat trotzdem keinerlei Probleme, sein Gegenüber wissen zu lassen, was er will. Der Kleine redet zwar nicht gut. Was um ihn herum passiert, kapiert er beinahe ohne Einschränkung. "Er versteht es sehr gut, Regeln zu umgehen", sagt seine Mutter. "Er ist ein ganz normaler Lausbub."
©2007 Fellbacher Zeitung |