Flotte Sprüche statt Betroffenheitspathos
Der Verein 46plus wirbt mit außergewöhnlichen Fotos und Ideen für mehr Toleranz gegenüber Kindern mit Downsyndrom
Sie kämpfen gegen die Ausgrenzung von Kindern mit Downsyndrom und plakatieren auch mal die halbe Stadt mit ungewöhnlichen Fotos - die engagierten Eltern vom Verein 46plus. Nur eines können sie gar nicht leiden. Wenn einer sagt, ihre Kinder seien krank.

Drei Tage lang hat Conny Wenk nach der Geburt ihrer Tochter Juliana geweint. Nicht vor Glück oder Erschöpfung, sondern wegen eines Gesprächs mit ihrer Kinderärztin im Marienhospital. Es war um acht morgens, als die Tür aufging und der jungen Mutter eine Diagnose überbracht wurde: "Ihr Kind hat Morbus Down." Viel mehr sagte die Ärztin nicht, erinnert sich Wenk, und auf Nachfrage bekam sie ein veraltetes Medizinlehrbuch in die Hand gedrückt. Von "mongoloider Idiotie" war in dem Werk die Rede und davon, dass Menschen mit Downsyndrom eine Lebenserwartung zwischen 25 und höchstens 40 Jahren hätten.
Noch schlimmer kam es bei einem zweiten Arztgespräch ein paar Tage später. "Es gab keinen einzigen positiven Satz", erzählt Wenk. Sie musste sich eine lange Liste an möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Komplikationen anhören. Ihr wurde vorgerechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass ihr Neugeborenes einen Herzfehler hat, eines Tages an Leukämie erkranken oder Atemwegsprobleme haben wird. Conny Wenk sah eine Odyssee von einem Arzt zum anderen auf sich zukommen, konnte sich monatelang nicht richtig über den Nachwuchs freuen.
Fünf Jahre später schüttelt Conny Wenk den Kopf über die fehlende Sensibilität und die Unwissenheit der Mediziner. Warum hat die Kinderärztin das Gespräch nicht im Beisein des Mannes und des Babys geführt? Warum gab es kein aktuelles Informationsmaterial über das Downsyndrom auf der Wochenstation? Und warum hat ihr damals niemand gesagt, wie fantastisch ein Leben mit einem Kind sein kann, das in jeder Zelle ein Chromosom zu viel hat?
Die Unwissenheit hat Conny Wenk Angst gemacht. "Ich hatte die alten Bilder im Kopf. Menschen mit Topfhaarschnitt und Hosenträgern, denen man nichts zutraut." Ein Klischee, das die 40-Jährige mit ihrem Engagement im Stuttgarter Verein 46plus abbauen helfen will. Deshalb hat die Betriebswirtin zur Kamera gegriffen und teilt seit einigen Jahren ihre Sicht auf die Welt ihrer Tochter mit. Von ihr stammen die Bilder eines Promifotokalenders. Da löffelt TV-Moderator Harald Schmidt mit Jakob einen Becher Eis, da krabbelt die Schauspielerin Maria Furtwängler mit dem Kind eines Vereinsmitglieds über einen Rasen. Die Bilder touren mittlerweile als Wanderausstellung durch Kindergärten, Krankenhäuser oder Bankfoyers, sie zeigen, wie einnehmend das Lächeln eines Kindes mit Downsyndrom sein kann.
Ihren dritten Fotoband bringt Wenk im nächsten Jahr auf den Markt. Gerade abgeschlossen ist eine Plakataktion mit einem ihrer Bilder. 40 Poster warben in Stuttgart für mehr Toleranz. "Down-Syndrom. Richtig. Down? Von wegen" stand über der Aufnahme eines Mädchens, das mit 47 Chromosomen auf die Welt gekommen ist. "Wir setzen auf flotte Sprüche statt auf tiefe Betroffenheit", sagt Wenk. Nebenbei erzählt sie, dass ihr Mann, ein Profi aus der Werbebranche, den Onlineauftritt gestaltet und so manchen Text geschrieben habe.
Während Conny Wenk ein Interview gibt, sitzt Tochter Juliana im Sandkasten und singt "Oh Tannenbaum". Ihr Freund Yannik spielt auf der unsichtbaren Gitarre, seine vierjährige Schwester Annika ist die Verstärkung des Trios. Irgendwann hat Juliana genug, die Kleine mit dem Jeansrock und den geflochtenen Zöpfen, die fast bis zum Po reichen, ruft für alle vernehmbar. "Ich will zu Omi." Direkt, offen und manchmal ein wenig schonungslos können Kinder sein.
Eine Eigenart, die bei Kindern mit Downsyndrom noch ausgeprägter ist. Eine Erfahrung, die auch Petra Hauser gemacht hat, die Mutter des achtjährigen Yannik. Der Junge mit Downsyndrom zeigt seine Gefühle ungefiltert, lacht viel, kann manchmal grimmig schauen und nimmt auch mal Fremde einfach so in den Arm.
"Wir führen ein normales Leben", sagt die Vorstandsfrau, die sich seit Jahren für integrierte Kindergärten einsetzt. "Unter einem Dach gemeinsam zu lernen sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein", sagt die 36-Jährige und beklagt, dass die Integration in der Grundschule aufhört.
Während in anderen Bundesländern Kinder mit und ohne Behinderung zusammen eingeschult werden, sperrt sich Baden-Württemberg. Erst nach viel Überzeugungsarbeit und viel Gezerfe mit Ämtern habe es geklappt, dass Yannik eine Außenklasse der Gustav-Werner-Schule besuchen kann. Das heißt, der Unterricht findet an einer Grundschule in Zuffenhausen statt, drei Stunden am Tag lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam.
Nicht nur die bildungspolitische Arbeit liegt Petra Hauser am Herzen. Die zweifache Mutter ist seit Jahren aktiv, um das Thema Downsyndrom in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Sie verteilt zusammen mit anderen Vereinsmitgliedern Broschüren an Krankenhäuser oder organisiert Sommerfeste. Sie hält Vorträge, will betroffenen Eltern Mut machen und lädt auch immer wieder zum Kaffeekränzchen ein.
Auch Conny Wenk hat bei solch einer Runde zum ersten Mal miterlebt, wie Eltern von Kindern mit Downsyndrom ganz unbekümmert beieinander sitzen und die Kleinen im Garten spielen. Das sei vier Monate nach der Geburt von Juliana gewesen, erzählt Wenk: "Von da an ging es bergauf."
©2007 Stuttgarter Zeitung |