Außergewöhnlich kontaktfreudig
OSTFILDERN: Gabriele Klumpp kämpft, damit Mauricio so normal wie möglich leben kann
Warum Mauricio die Presse nicht in sein Zimmer lassen will? Saustall, sagt er kurz und bündig. Und grinst. Der 14-Jährige hat's faustdick hinter den Ohren. Das merken die Besucher schnell. Fragt der EZ-Fotograf, ob er mal zu ihm schauen kann. Ja, Süßer. Sagt's, schaut in die Kamera und lehnt sich lässig auf dem Stuhl zurück.

Beim Urlaub in Brasilien 2005 war Mauricio immer im Mittelpunkt. Ist der süß, ein Rothaariger, hieß es oft. Doch der Schopf war's nicht allein. Mit seinen zehn Wörtern Portugiesisch, die er kann, sprach Mauricio ungeniert jeden an, erzählt Gabriele Klumpp. Für die Eltern unvergesslich: Ein älterer Herr hat uns zu unserem Sohn beglückwünscht.
Hier wird die Biologin, die in Hohenheim arbeitet, immer wieder gefragt: Haben Sie's vorher gewusst? Diese Frage ärgert sie. Ich bin total froh, dass ich mich nicht entscheiden musste, sagt die Zweifach-Mama. Dennoch: Hätte ich es gewusst, wäre ich dann eine Heldin, weil ich mich für das Kind entschieden habe?
Du bist eine tolle Frau!
Offen bezeichnet sie es als den schlimmsten Tag meines Lebens, als sie erfuhr, dass Mauricio nicht 46 Chromosomen wie jeder Durchschnittsmensch hat, sondern eines mehr, eben 46plus. Heute sagt das Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben, gemeinsam lernen über ihren Ältesten: Er ist außergewöhnlich charmant und kontaktfreudig. Sie genießt es, wenn er sagt: Mama, du bist eine tolle Frau! Im Bereich der Gefühlsäußerungen lernt der elfjährige Dominik von seinem Bruder ansonsten ist es natürlich anders herum. Doch die Jungs, die sich in Nellingen das Zimmer teilen, halten fest zusammen. Und sie verteidigen sich gegenseitig, wenn die Mutter mal stresst. Gemeinsam gehen sie zum DLRG-Kurs, gemeinsam in die Jungschar. Als Dominik alleine die Kindersportschule besuchte, wollte er nach kurzer Zeit, dass sein Bruder mitkommt. Ich finde es so toll, dass er sich für Mauricio nicht geniert, sagt Gabriele Klumpp. Was sie nervt: Es ist so schwer, normal zu leben. Ob Schule oder Freizeit ständig muss sie fragen, ob es Mauricio mitmachen darf. Zwangsweise besucht der 14-Jährige inzwischen die Bodelschwinghschule in Nürtingen. Bislang war Mauricio immer zusammen mit Nicht-Behinderten in die Klasse gegangen. Das findet Klumpp wichtig: Es nützt nichts, wenn man alle Kinder mit ihren Marotten zusammensteckt. Unersetzbar sei, was Mauricio von Dominik und anderen Kindern lernt.
Mit Nicht-Behinderten lernte er in der Nellinger Klosterhofschule, ab der 5. Klasse in der Schule im Park. Dort war eine Außenklasse der Esslinger Rohräckerschule eingerichtet. Die wurde aufgelöst. Begründung: Die behinderten Kinder würden ausgegrenzt. Man hat nichts getan, um diese Klasse zu retten, kritisiert Klumpp. Mauricio fühlt sich in Nürtingen bislang wohl. Mathe mag er zwar nicht. Arbeiten, wie die Älteren dort, will er auch nicht. Er will lernen, lernen, lernen. |