
Der Down-Dickkopf
Kennen Sie die Legende vom Down-Dickkopf? Es wird in Fachkreisen darüber diskutiert, ob es ihn überhaupt gibt. Ich sage: Es gibt ihn!
Inna wurde 1945 mit Down-Syndrom geboren und ich kenne sie siet 2000. Sie ist mit der Lebenshilfe auf Ferienfreizeit gefahren, ich arbeite als Freizeitleitung bei der Lebenshilfe und habe sie mehrmals in meiner Gruppe gehabt und persönlich begleitet. Man kann Inna kaum angemessen in Worten beschreiben, eigentlich muss man sie erlebt haben. Mit einer Größe von etwa 135 cm konnte sie sich an einer Türklinke stoßen und dabei eine Schramme auf Höhe des Brustbeins davontragen. Sie hatte eine gemütliche Figur, ihr schwarzes Haar war mit silbernen Strähnen durchsetzt und wurde jeden Morgen zu einem Knoten am Hinterkopf geflochten und mit Haarnadeln und einer Spange festgesteckt. Das Kommando dazu lautete: „Sabina, zumach Haaren“, unterstützt durch das kreisende Drehen eines Zeigefingers neben ihrem Kopf, und Sabine tat dann augenblicklich wie ihr geheißen.
Inna war sehr eigen und ihre Ansichten zu fast allem was sie tat oder auch nicht tat, waren gefestigt. Doch eine charmante kindliche Neugier ist ihr geblieben und sie lehnte nur selten etwas ab, ohne es zu nicht wenigstens einmal versucht zu haben. Kegeln, Ruderbootfahren und zum Grillabend den Zopf nicht zum Knoten hochgesteckt zu tragen, sind nur drei von vielen kleinen und großen Abenteuern, denen sie sich gestellt hat. Aber obwohl sie zumindest ihren Namen schreiben konnte, hat sie in ihrem Urlaub nie einen Stift in die Hand genommen, und während sie daheim selbst mit Tricks nicht dazu zu bewegen war, Banane zu essen, war ihr in den Ferien der Weg in die Küche nicht zu weit, um dort die Mitteilung: „Banan - ni da!“ zu machen, wenn in der Obstschale nichts zu finden war. Es muss für das Küchenpersonal ein Segen gewesen sein, wenn sie ihr dann eine Banane aushändigen konnten. Aber wenn nicht... Mit anderem Obst war Inna nicht zufrieden zu stellen. Höchstens ein Schälchen Joghurt wurde als Entschädigung akzeptiert. Aber sie verließ die Küche dann dennoch nicht ohne die mahnenden Worte „Morgen früh Banan“. Sie kennen doch sicher die ´Ich komme wieder` - Szene von Schwarzenegger und können sich leicht vorstellen, dass am nächsten Tag wieder Bananen in der Obstschale lagen. Und vorsichtshalber auch ein paar in der Vorratskammer! Für alle Fälle.
Inna konnte eine schier unerschöpfliche Energie an den Tag legen, damit die Dinge nach ihrem Wunsch liefen. Nennen Sie es Eigensinn, Halsstarrigkeit, Sturheit oder was auch immer Ihnen an Umschreibung einfällt. Ich nenne es den Down-Dickkopf in Perfektion, denn was anderes fällt mir dazu nicht ein. Und der Down-Dickkopf in Perfektion kann selbst meine Nerven strapazieren. Inna hatte ihn ´drauf` wie kein zweiter und das ist zweifelsohne des Rätsels Lösung zu folgender Tatsache: Inna ist bisher die einzige, die meine Autorität und Gradlinigkeit, die ich bei den Freizeiten beispielhaft vorleben muss, damit die Gruppe nicht in Chaos und Anarchie versinkt, ins Wanken, zum Bröckeln und schließlich zum zeitweiligen Einsturz gebracht hat! Und das alles in wenigen Minuten.
Wie es dazu kam? Stellen Sie sich folgende Szene vor: Die Freizeitgruppe in der Mittagspause. Man sitzt einträchtig und friedlich beisammen, man liest, malt, hält ein Nickerchen. Inna sitzt wie immer auf ihrem Stuhl. Dem Stuhl, von dem aus sie alles überblicken kann und der ihr stets einen Platz mittendrin im Geschehen garantiert. Selbst wenn die elf anderen Stühle der Sitzgruppe und auch alle anderen 500 Stühle im Haus frei waren – Inna mochte nur auf diesem einen Stuhl sitzen und sie saß auch immer nur auf diesem einen Stuhl. Wer aus Unwissenheit oder einem seltsamen Hang zu Nervenkitzel doch dort Platz nahm, erlebte die bühnenreife Szene „Inna sitzen, biiiiiiitteeeeeee!“ und gab nach spätestens 15 Minuten und unzähligen unfruchtbaren Argumenten seinen mitunter hart erkämpfen Sitzplatz auf. Je nach dem, ob er sich gerne an dem Gram seiner Mitmenschen erfreut oder nicht, warnte er von nun an andere oder ließ sich von dem Schauspiel-Klassiker unterhalten, an dessen Ende stets die Niederlage des Sitzenden und der Sieg der unnachgiebigen Dickköpfigkeit stand. Der Stuhl wurde übrigens schließlich mit einem Stück Kreppband als Innas Stuhl gekennzeichnet, denn „Inna sitzen, biiiiiiitteeeeeee!“ ist nur in begrenzter Anzahl täglich zu ertragen gewesen. Aber zurück zur Mittagspause und der Einleitung meiner bedingungslosen Kapitulation vor dem Down-Dickkopf: Einer der Mittagspäusler steht auf, geht in die Küche und kommt mit einem Eis wieder. Der nächste geht und holte sich auch eins. Langsam werde ich unruhig. Ich ahne, ach was - ich weiß!, was gleich kommt. Es erheben sich kurz darauf gleich mehrere und kommen mit einem Eis wieder. Inna guckt sich das an und - ja, ich hab`s gewusst: „Sabina! Die, essen Inna!“ Sie deutet entschlossen auf die kleinen Eisbecher der anderen, aber noch bleibe ich standhaft, versuche es mit einer Erklärung „Nein, Inna. Deine Schwester hat gesagt, Eis ist zu kalt für deinen Hals.“ Die anwesenden BegleiterInnen werden aufmerksamer. Wie kommt Sabine da wohl wieder raus. Inna tut so, als würde sie höflich um eine nähere Erläuterung bitten, aber im Wirklichkeit nimmt sie Anlauf zu einer Debatte, die sie schon längst gewonnen hat. „Waruuuum?“, fragt sie und ich verweise darauf, dass Eisverzehr bei ihr zu Halsschmerzen führen kann und ich ihr deshalb kein Eis kaufen soll und kein Eis kaufen werde. „Waruuuum nicht?“, will sie wissen. „Schwester hat´s gesagt und so wird´s gemacht.“ Spätestens jetzt hätte ich die Flucht ergreifen müssen. „Sabina, biiiiitteeeee....“. Alles zu spät. Einige Male noch versuche ich es mit geduldiger Erklärung, denn schließlich gucken die anderen BegleiterInnen, was Frau Gruppeleitung wohl an raffinierten pädagogischen Strategien auffährt, um den Konflikt befriedigend zu lösen und Inna zum Verzicht auf das Eis zu bewegen. Aber es ist im Grunde nichts als Theater, denn die Entscheidung ist längst getroffen. Von nun an geht es nur noch darum, wann Inna ihr Eis von mir serviert bekommt. Es dauert ein paar Minuten. Nein, nicht das Eis zu holen. Das geht schnell. Es dauert, den Becher in den Händen anzuwärmen und das Eis dickflüssig zu rühren, damit es nicht ganz so kalt ist. Inna ist zufrieden, ich bin auf der Autoritätsskala einige Punkte nach unten gerutscht und es ist wieder Ruhe eingekehrt.
Keiner der BegleiterInnen hat einen Ton gesagt, aber ich weiß natürlich, was sie gedacht haben. Tja, ihr Lieben, denke ich, als ich mich neben Inna in einen Sessel fallen lasse, kennt ihr die Legende vom Down-Dickkopf? Nein? Dann lernt dieses Phänomen kennen und achten. Die Gelegenheit war nie günstiger, denn ich bin mir sicher: Dort sitzt seine Erfinderin! |