Leben
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Kolumne im November 2005

Ansichtssache II

Diesmal aus dem Blickwinkel einer "Nicht-Betroffenen".

Neulich war ich mit meiner Familie auf dem Stuttgarter Volksfest. Unser Großer wollte unbedingt mit seinem Papa noch Wildwasserbahn fahren. Und so stand ich mit dem Kleinen im Kinderwagen vor dem Fahrgeschäft und habe verzweifelt versucht, meine zwei Männer in einem Wildwasser-Wägelchen zu entdecken. Endlich hatte ich sie aufgespürt, und – welch Augenweide – hinten im Gefährt saß ein männliches Wesen mit nacktem Oberkörper. Das musste ich mir natürlich näher anschauen, denn dieser nackte Oberkörper war sehr nett anzuschauen und ziemlich muskulös. Als das Wildwasser-Wägelchen am Ende der Fahrt langsam austrudelte und an mir vorbeifuhr konnte ich endlich auch den Kopf dieses Schönlings genauer anschauen, und – oh Schreck – „der Jüngling hat ja Down-Syndrom“.

Sicherlich handelte es sich um denselben Kerl, den Conny Rapp im Sommerurlaub angegafft hatte (siehe Oktober-Kolumne). Ich aber hatte Glück, denn der Wagen fuhr weiter aus meinem Sichtfeld, und ich musste mir keine Gedanken darüber machen, ob ich jetzt noch genauer hinschauen kann oder nicht.
Ich bekenne mich auch dazu, grundsätzlich ein Gaffer zu sein. Wenn mir etwas ins Auge sticht, dann gaffe ich ziemlich ungeniert, was meinen Mann manchmal tierisch aufregt. Sei es ein zorniges Kind, das sich im Supermarkt auf den Boden wirft oder ein süßes, kleines, braves Mädchen mit rosa Schleifen im Haar oder sonst irgendwas auffälliges.

Begegne ich einem behinderten Menschen – hier jetzt speziell einem Menschen mit Down-Syndrom – dann würde ich ehrlich gesagt auch sehr gerne und ausführlich gaffen, denn mich interessiert der „besondere“ Mensch und auch sein Umfeld, aber ich traue mich nicht. Das ist jedes Mal ungefähr der gleiche Ablauf:

Ich sehe ein Kind – „Huch, hat das Kind Down-Syndrom?“ – noch einmal genauer hinschauen – „Ja, tatsächlich, es hat Down-Syndrom, so wie der Yannik“ (der Sohn meiner Freundin Petra, den ich recht gut kenne) – „Oh Mann, Tanja, jetzt stier doch nicht so auffällig hin, das ist ja völlig peinlich“ – bemühtes Wegschauen – „Ach nee, Tanja, jetzt reagierst du ja noch auffälliger, wenn du so offensichtlich wegschaust“ – also wieder “so normal wie möglich“ hinschauen.

Alles in allem reagiere ich also jedes Mal ziemlich bescheuert. Sobald ich anfange, über mein Verhalten nachzudenken, reagiere ich natürlich unnatürlich. Ich habe mich gefragt, ob es meinen Bekannten auch so geht wie mir und deshalb mal in meinem Umfeld rumgefragt.

Also es gibt tatsächlich Leute, die fest behaupten, total natürlich zu reagieren, wenn sie jemanden mit Down-Syndrom sehen (das war aber eher die Minderheit). Den meisten geht es ähnlich wie mir, sie bemühen sich möglichst unauffällig zu reagieren und wirken dadurch “hölzern“. Und ein paar wenige sagen, dass sie völlig ungeniert hinschauen. Aber alle Antworten hatten eines gemeinsam: Es ist nicht das Mitleid, sondern mehr das Interesse, dass uns “gaffen“ lässt. Unsere Generation ist anscheinend heute so aufgeklärt, dass wir wissen, dass wir kein Mitleid zu haben brauchen. Und dazu hat 46PLUS zumindest hier im Stuttgarter Raum sicherlich viel beigetragen (vor allem die Plakataktion finde ich wirklich super!).

Hier noch eine Antwort aus meinem Bekanntenkreis, die ich am Ende einfach mal so stehen lassen will:

„Also ehrlich gesagt .... schwierig! Da ich der Typ bin, der schwer an sich halten kann - nicht nur mit der Klappe - habe ich auch gern mal Leute im Blick. Und zwar alle möglichen Leute, die gerade irgendwie interessant sind. Der Unterschied ist: Warum hat man bei "gesunden" Leuten kein schlechtes Gewissen, wenn man sie offen anschaut, muss aber bei "kranken" überlegen, ob man das darf, ob es ihnen angenehm ist (ist es den gesunden auch nicht immer!), ob es als "Sensationsgeilheit" ausgelegt wird?

Es ist auch ein Hauch schlechtes Gewissen: DIR geht es gut, DU bist gesund, die anderen sind die "armen", mit ihrer Krankheit geschlagen .... aber wie geht man damit richtig um? Oft hört man, man solle "solche" Leute "ganz normal" behandeln. Ganz ehrlich: wie denn? Schaue ich sie offen an, bin ich ein Gaffer. Schaue ich sie nicht offen an, bin ich ein Ignorant? Und ich kann auch nicht - wie bei "normalen gesunden" Leuten - einfach sagen: Den möchte ich jetzt anquatschen, den anderen aber nicht. Ich spreche auch nicht alle Leute an, die unauffällig aussehen. Das ist "ganz normal". Wenn es aber einen "Kranken" betrifft, habe ich immer das Gefühl: Was du auch machst - du machst es immer falsch. Und nun?"

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