
Gaffer
Der Bus kommt hoffentlich bald, denke ich mir, während ich versuche, meine Tochter mit dem Spiel "Ich sehe was, was du nicht siehst" bei Laune zu halten. Irgendwann fällt mir auf, dass wir von einer älteren Dame, die sich sehr bemüht, möglichst unauffällig zu wirken, beobachtet werden. Mein geschulter Blick für Blicke verrät mir sofort, dass diese Dame auch jemanden mit Down-Syndrom kennen muss. Leider traut sie sich erst uns anzusprechen, als der Bus kommt. Wie schade, es war nämlich die Oma von Dominic, der erst vor kurzem sein zweites Geschwisterchen bekommen hatte.
Normalerweise kann ich "Gaffer" nicht ausstehen. Vor allem nicht die von der bemitleidenden "Ich-kenne-niemand-mit Down-Syndrom-aber-es-muss-wohl-ganz-schlimm-sein"-Fraktion. Das Problem ist nur: ich bin selbst der größte Gaffer. Das musste ich mir jüngst in unserem Sommerurlaub eingestehen.
Juliana und ich sitzen in der Strandbar, als auf einmal ein junger Kerl mit Down-Syndrom - schätzungsweise 16 Jahre alt - an unserem Tisch vorbei läuft: schlank, sonnengebräunt, muskulös, durchtrainiert mit flottem Kurzhaarschnitt. Ich tippe Schwimmer. Mir ist vor lauter Staunen schier das Eis im Hals steckengeblieben. Am liebsten hätte ich sofort die Verfolgung aufgenommen.
Wieder zuhause angekommen, erzähle ich den anderen Müttern – fast schon beschämt - was ich da Spektakuläres gesehen habe. Beschämt, weil ich Gaffer nicht mag, selbst aber den Blick nicht abwenden konnte. Beschämt auch deshalb, weil ich immer gegen Vorurteile ankämpfe, selbst aber scheinbar die größten habe.
Warum auch nicht sollte ein junger Kerl mit Down-Syndrom muskulös, durchtrainiert, schlank und sportlich sein? Weil auch wir immer noch die alten Klischeebilder von früher im Kopf haben. Und es wird wahrscheinlich noch eine ganze Weile dauern, bis diese Bilder ein für allemal ersetzt werden, denn die zwei ältesten Mädels aus unserer Stuttgarter Gruppe sind gerade mal zehn Jahre alt.
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