
Die Extrawurst
In meinem früheren Leben (also bevor Yannik geboren wurde) war ich – wie wahrscheinlich die meisten von uns – stets darauf bedacht, nicht unnötig aufzufallen. Es sollte möglichst alles „normal“ laufen, ohne besondere Vorkommnisse. So kommt man am besten durchs Leben, dachte ich immer. Doch da hat Yannik mir mit dem Down-Syndrom einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Seither sind wir irgendwie immer die Extrawurst, egal wo wir hinkommen.
Am Anfang hat mir dieses Anderssein auch manchmal ganz schön Kopfzerbrechen gemacht. Soll ich das Down-Syndrom bei den anderen ansprechen, wenn ich zur Babymassage oder Krabbelgruppe gehe? Auf einmal konnte ich nirgends mehr hin, ohne etwas Besonderes zu sein. Das war irgendwie komisch für mich, obwohl ich es nie als schlimm empfunden habe. Schlechte Erfahrungen haben wir nie gemacht – aber es wahr schon gewöhnungsbedürftig. Ob im Kinderturnen, Musikgarten, Schwimmkurs oder Kindergarten: wir fühlen uns überall wohl und willkommen, aber wir gehören trotzdem nicht zu den „Normalen“.
Inzwischen haben wir schon so viele besondere Situationen erlebt, dass es für uns tatsächlich schon normal ist, anders zu sein. Dass ich dieses „Extrawurst sein“ inzwischen sehr genieße und auch ziemlich stolz darauf bin, ist mir jetzt bei Yanniks Abschied im Kindergarten erst so richtig klar geworden. Es war eben kein normaler Abschied, wie von den anderen „Schulkindern“, sondern etwas absolut Besonderes. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den letzten Wochen erklärt habe, auf welche Schule er gehen wird und wie das dort alles funktioniert. Auch die anderen Eltern scheinen ihn eben ganz besonders ins Herz geschlossen zu haben – und das ist ehrlich gesagt ein ganz tolles Gefühl. In letzter Zeit habe ich sehr oft zu spüren bekommen, wie vielen Menschen unser Sohn ans Herz gewachsen ist, wie viele mit uns gehofft haben, die richtige Schullösung zu finden und wie sie sich mit uns freuen. Das ist wirklich eine ganz besondere Erfahrung, die wir da als Eltern machen dürfen.
Also: wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, ist es wirklich klasse, die „Extrawurst“ zu sein. Es gibt natürlich Situationen, in denen man auch gerne mal darauf verzichten würde, aber im großen und ganzen sind wir ganz zufrieden damit.
Und trotzdem wäre es schön, wenn ein Mensch mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft als „normal“ und nicht als „Extrawurst“ bezeichnet werden könnte. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg und es müssen sich noch unendlich viele „Extrawürste“ unter die Leute mischen – aber wir arbeiten ja alle ganz fleißig daran.
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