Leben
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Kolumne im Juli 2005

Serge und die anderen Kinder

Wir wohnen in einer Erdgeschoss-Wohnung und direkt daneben ist eine Kindertagesstätte. Dazwischen liegt noch ein kleinerer Garten.

Seitdem das Wetter wieder besser ist, sind natürlich die Kinder der Kindertagesstätte in deren Garten und Serge in unserem. Wenn sich nun jeder mit seinem Spiel beschäftigen würde, wäre auch alles in Ordnung. Allerdings hätte ich dann auch nichts zu schreiben. Das Ganze fing ungefähr letztes Jahr an.

Serge ist niemand, der sich, auch wenn er alleine spielt, ruhig verhält. Sondern er redet mit sich selbst oder auch mit seinem Engel oder mit seinem unsichtbaren Freund (die gibt es wirklich!) und halt nicht wirklich im Flüsterton.

Die Kinder bekommen das natürlich mit, wobei es sicher nicht darum geht, dass er mit jemandem redet (der nicht zu sehen ist), sondern eher darüber, wie er spricht. Nämlich unverständlich. Oft sind auch nur ein oder zwei Kinder in der Nähe, die dann versuchen, mit Serge Kontakt aufzunehmen, um dann für sie Unverständliches als Antwort zu bekommen.

Es geht hin und her und ruck zuck stehen mindestens zehn Kinder am Zaun, schreien rüber und Serge schreit zurück, die Kinder ahmen ihn nach usw. Irgendwann fielen dann so Ausdrücke wie „der tickt ja nicht richtig“. Das war, glaube ich, der Moment, wo mir echt der Kragen geplatzt ist und ich mit Serge rübergegangen bin (oder eher rübergestümt). Es war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Der Leiterin der Kindertagesstätte ist das alles natürlich nicht verborgen geblieben, sie war nur – was sie auch eingestand – unsicher darin, was sie den Kindern sagen sollte. Sie kannte Serge übrigens aus unserem Buch „Außergewöhnlich“, welches bei ihrem Kinderarzt auslag und war überrascht, ihren „Nachbarn“ darin zu erkennen. So wusste sie natürlich auch, in welcher Weise er beeinträchtigt ist. Sie hat den Kindern dann leider erklärt, dass er krank sei, was ich umgehend korrigiert habe und ihr versprochen, mich um entsprechende Literatur zu bemühen. Bisher habe ich leider noch nichts Passendes gefunden, wie man Kindergartenkinder das Down-Syndrom erklärt.

Ich hab dann den Vorschlag gemacht, ob Serge nicht mal rüber kommen kann zum Spielen, damit die Kinder im direkten Umgang mit Serge ihn vielleicht besser verstehen lernen. Und damit vielleicht auch eine eventuell vorhandene Unsicherheit verlieren.

Die Erzieherin nahm diese Idee positiv auf und hat Serge auch gleich zum Sommerfest eingeladen.

Bis jetzt hat sich nur noch leider kein passender Termin gefunden, an dem wir hätten rübergehen können. Aber ich hoffe, wir können dies in nächster Zeit machen.

 

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