
Hände hoch - das ist ein Überfall!
Und schon wird man mit Fragen und im schlimmsten Fall auch noch gut gemeinten Tipps bombardiert.
Warum meinen eigentlich manche Leute, nur weil sie ein Kind mit Down-Syndrom haben und sehen, ich habe auch eines im Schlepptau, könnten sie mich einfach ausquetschen wie eine Zitrone?
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich eigentlich sehr gesprächig bin und gerne auf jede Frage Antwort gebe. Es kommt nur eben auf die Art und Weise der Befragung an.
Erst neulich habe ich es wieder erlebt – und das war nicht das erste Mal. In einem großen Therapiezentrum war ich mit Yannik gerade unterwegs zur Logopädie und dann kam sie um die Ecke: Mutter eines kleinen Kindes mit Down-Syndrom, die sich wahrscheinlich noch nie mit irgendjemandem ausgetauscht hatte.
„Siiieeee, ich muss Sie da mal was fragen,“ schoss sie sofort los, ohne überhaupt Guten Tag zu wünschen und sich vorzustellen: „Wann konnte denn Ihr Sohn laufen? Wann konnte er krabbeln? Wann hat er mit dem Löffelchen gegessen? Ist er oft erkältet?“ (Ich glaube da kam noch irgend ein Tipp mit speziellen Nasentropfen, nach denen ich überhaupt nicht gefragt hatte). „Seit wann braucht er keine Windel mehr? Spricht er gut? Warum denn nicht? In welchen Kindergarten geht er? In welche Schule kommt er? Schnarcht er nachts? usw.“ Und zum Schluss natürlich noch die Frage, die nie fehlen darf: “Haben Sie denn bei ihr eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht?“ und zeigt auf meine jüngere Tochter Annika, die wie ich verdutzt dreinschaut. Diese Frage stellt man doch nun wirklich nur ganz vertrauten Personen – warum meint jeder, er könnte mir diese Frage mal so eben im Vorbeilaufen stellen? Mir fällt jetzt auch gar nicht mehr alles ein, aber ich fand das doch reichlich unverschämt.
Man fühlt sich wie bei einem Test. Obwohl ich mir immer vornehme, in Zukunft auf solche Verhöre nicht mehr zu reagieren, bin ich dann doch wieder zu verdutzt, um meinen Unmut zu äußern. Und bis man dann zu sich kommt, sind diese Menschen ja auch meist genau so schnell wieder irgendwo verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.
Ich habe wirklich kein Problem mit diesen Fragen, auch ich spreche gerne mal andere Eltern an. Aber man kann sich doch erst mal vorstellen, Guten Tag wünschen und fragen, wie das Kind heißt, ob es ihm hier gefällt, wo sie her sind, ... und all die normalen Dinge, die wir so sagen, wenn wir mit jemandem ins Gespräch kommen möchten. Man könnte sich z. B. auf eine Tasse Kaffe verabreden oder mal telefonieren...
Aber nein – es muss sofort sein, in einer irren Geschwindigkeit, im Verhörstil und im Treppenhaus des Therapiezentrums. Fast noch schlimmer sind mitteilungsbedürftige Erziehungsberechtigte mit größeren Kindern, die meinen, sie müssten einem in eben diesem Tempo gute Ratschläge über Erziehung, Therapien, Medikamente usw. erteilen, ohne überhaupt danach gefragt worden zu sein.
Kann es sein, dass diese Menschen genau jene sind, die überall erzählen:“ Wir gehen nicht in so eine Selbsthilfegruppe – uns geht es gut und die jammern sich doch alle nur was vor!“? Die sich noch nie mit anderen Eltern von Kindern mit Down-Syndrom ausgetauscht haben und deshalb auch nicht wissen können, dass es eigentlich gar nichts zu jammern gibt?
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Dann müsst ihr auch nicht mehr wildfremde Menschen im Treppenhaus überfallen mit all den Fragen, die ihr schon immer mal jemandem stellen wolltet.
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