
Integration - Wunschtraum oder Unwort?
Immer wieder werden heiße Diskussionen geführt, was eigentlich die beste Schullösung für unsere Kinder ist. Integration, ISEP, Außenklasse, Sonderschule?
Warum ist es eigentlich in Deutschland, vor allem Baden-Württemberg – und ganz besonders in Stuttgart - so schwierig, die richtige Schullösung zu finden?
Ich denke, weil alle Lösungen, die angeboten werden – oder die man sich hart erkämpft hat – Vor- und Nachteile haben. Weil es bei uns eben keine optimale, inklusive Lösung gibt.
Da gibt es die Sonderschulen für geistig Behinderte, die bestimmt gute Förderung und sozusagen einen „Rund-um-Service“ mit Lernen, Essen, Abholung und das alles in „geschützter Atmosphäre“ bieten. Aber können unsere Kinder so lernen, mit Konflikten umzugehen und selbstbewusst und selbstbestimmt im Alltag klarzukommen? Um am öffentlichen Leben teilzunehmen muss man lernen, sich in der Gesellschaft – so wie sie eben ist – zurechtzufinden. Kann das eine Sonderschule leisten? Haben die Kinder dann noch genug Möglichkeiten, in ihrer Freizeit im Sportverein, durch Geschwister oder Nachbarskinder Kontakt zu anderen Kindern zu bekommen?
Oder dann doch lieber die Integration an der Regelschule? Da sind unsere Kinder mit all den anderen Kindern aus der Umgebung zusammen. Sie bekommen sogar eine Unterrichtsbegleitung – d.h. ein Zivi oder ein/e Praktikant/in sind immer als Begleitung für unsere Kinder da. Aber kann ein Lehrer einer Klasse mit über 30 Kindern gerecht werden und den Stoff dann noch für das Kind mit speziellem Förderbedarf aufbereiten? Das ist zugegeben eine nicht zu bewältigende Aufgabe. Oder soll der Zivi meinem Kind was beibringen? Das wäre ja wohl auch nicht das Richtige. Außerdem soll das Kind ja die Chance bekommen, auch andere Kinder kennen zu lernen, die so sind wie es selbst – denn auch das ist wichtig fürs Selbstwertgefühl.
Und selbst wenn ich es schaffe, für diese Lösung noch andere Kinder zu finden und über das ganze die Bezeichnung „ISEP“ zu stellen, dann gibt es hierfür noch lange keine Finanzierung.
Dann gibt es da noch die „Außenklassen“. Aber auch hier scheint nicht die optimale Lösung zu liegen. Da die Schüler der Außenklasse der Sonderschule für geistig behinderte angehören und die Regelschulklasse logischerweise der Regelschule, empfinden viele dies als „nichts halbes und nichts ganzes“. Fakt ist aber, dass nahezu alle guten Integrationsprojekte (Leutkirch, Reutlingen, Emmendingen, Bad Boll,.....) durch Außenklassen entstanden sind. Wobei es schon komisch ist, dass z.B. in Leutkirch 25 Schüler (4 davon mit Behinderung) seit nunmehr 8 Jahren gemeinsam unterrichtet werden uns sich die 2 Klassenzimmer teilen – und trotzdem verschiedenen Schulen angehören. Und es gibt eben auch genug abschreckende Beispiele!
Warum müssen wir uns eigentlich mit all diesen Fragen belasten? Es ist mal wieder nicht das Down-Syndrom selbst, sondern die „Umstände“, die einem das Leben schwer machen. Seit mein Sohn 2 Jahre alt ist beschäftige ich mich mit diesem Thema. Seit 4 Jahren wäge ich nun die vielen „Fürs und Widers“ für die verschiedenen Lösungen ab. Das schlimmste daran ist: meint man dann endlich herausgefunden zu haben, was das Richtige für sein Kind ist, heißt das noch lange nicht, dass diese Lösung dann auch machbar ist. Und schon fängt man wieder an, die Argumente für und gegen die vermeintlich zweitbeste Lösung abzuwägen.
Da ist es zwar verständlich, dass ab und zu die Emotionen aufkochen – wir sollten aber unbedingt die Entscheidung jeder einzelnen Familie respektieren. Wenn wir nun auch noch untereinander anfangen, die Lösungen der anderen zu kritisieren, wird es doch für alle noch belastender! Da es die optimale Schulform für unsere Kinder bei uns leider nicht zu geben schient, sollte einfach jeder für sich herausfinden dürfen, was für sein Kind bzw. die ganze Familie am besten ist.
In den Ländern, die Inklusion leben, müssen sich Eltern diese Gedanken erst gar nicht machen. Da gibt es nicht die Überlegung, soll mein Kind auf eine Sonderschule oder in die normale Schule. Da werden einfach alle Kinder unter einem Dach gefördert. Hier wird nicht nur stur der Lehrstoff gepaukt, sondern alle lernen fürs Leben! Die Lehrkräfte können mit „Beeinträchtigungen“ umgehen. Und wenn man sich die PISA-Studie mal ansieht, dann liegen die Länder mit eben einem einzigen Schulsystem für alle Kinder ganz weit vorne (Finnland, Irland, ....) Ganz sicher sehnen sich die Eltern von Kindern mit speziellem Förderbedarf nicht danach, dass ihre Kinder irgendwo „außerhalb“ unter sich sein dürfen, oder? Vorurteile, die wir mühsam versuchen, abzubauen, entstehen dort erst gar nicht – viel mehr Menschen haben Down-Syndrom und andere Besonderheiten ja bereits bei Schulkameraden kennen gelernt. Dort gibt es keine Berührungsängste.
Könnte das denn bei uns nicht auch so sein? |