Leben
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Kolumne im Februar 2005

Mann kann es dir überhaupt nicht
recht machen!

Diese Worte warf mir mein Mann Frank vor kurzem an den Kopf. Und wenn ich ganz ehrlich bin, er hat Recht.

Sicher kennen auch andere Eltern von Kindern mit Down-Syndrom dieses Gefühl:

Egal wo in der Öffentlichkeit man sich gerade aufhält, man versucht immer, einen möglichst relaxten und entspannten Eindruck zu hinterlassen. Man hat die Situation ja schließlich total im Griff. Soll nur ja keiner auf die Idee kommen, unsere Kinder seien eine Belastung oder man sei irgendwie gestresst. Nur immer schön die Fassung behalten, auch wenn einem der Schweiß ausbricht und man keine Ahnung hat, wie man die Situation bewältigen soll.

Und sollte einem in einer brenzligen Situation doch einmal der „Hut hochgehen“ (z. B. wenn man im Supermarkt an der Kasse steht, der Sohnemann sich in Richtung der Aufzüge davonmacht und die Tochter versucht aus dem Einkaufswagen zu klettern), dann hofft man nur, dass keine bekannten Gesichter in der Nähe sind. Uns selbst bemitleiden und unsere Kinder laut (manchmal sehr laut) maßregeln und vor Ungeduld fast platzen - das tun wir nämlich am liebsten zuhause, wenn uns keiner sieht.

Gut gemeinte Worte des Lobes wie z. B.: „Wie du das immer machst, ich könnte das nicht!“ oder „Du hast ja wirklich eine Eselsgeduld“ mögen wir sowieso überhaupt nicht. Sofort gehen wir in Abwehrhaltung und kontern irgendetwas wie: „da muss man nichts besonderes können“, oder „jede Mutter lernt, geduldig zu sein“. Was vielleicht einfach als Anerkennung gedacht war, fassen wir sofort als Mitleid oder Bedauerung auf. Und dabei leisten wir ja wirklich eine ganze Menge! Aber wehe, das wird nicht erkannt!

Vor kurzem habe ich mich mit einer Bekannten unterhalten. Da wir uns länger nicht gesehen hatten wollte sie wissen, was Yannik so macht. Ich erzählte ihr von unseren (sehr mühsamen) Fortschritten beim Sprechen, von unserem Kampf um eine integrative Schullösung, aber natürlich auch was er schon alles kann und wie lebensfroh und glücklich er durchs Leben geht. Eigentlich war ich schon wieder eingestellt auf eine der oben genannten Lobeshymnen auf mein Engagement für meinen Sohn, aber die Antwort fiel diesmal anders aus: „Na ja, das klingt doch alles super – und hin und wieder ein paar Schwierigkeiten hat man ja immer mit Kindern. Warum soll es euch da anders gehen?“ Damit habe ich nicht gerechnet, aber ich fühlte mich auch hier irgendwie missverstanden. „Die hat ja gut reden“, schoss es mir durch den Kopf, „kann die sich überhaupt vorstellen wie viele Stunden wir für logopädische Übungen, Telefonate mit Schulämtern, Schulleitern und anderen Institutionen aufgebracht haben? Und überhaupt, wie anstrengend Yannik manchmal sein kann?“ Als ich abends meinem Mann über die „alte Bekannte“ und die Unterhaltung mit ihr berichtete, kam von ihm die bereits beschriebene Reaktion.

Vielleicht ist es einfach so, dass wir den Anforderungen, die wir an uns selbst haben, oft gar nicht gerecht werden können. Natürlich möchten wir immer gelassen und geduldig reagieren, aber wenn man zum 84. Mal gefragt wird, wann die Oma nun kommt, fällt die Antwort eben irgendwann ungeduldig und laut aus. Mit der Folge, dass man sich nun nicht nur über das „nervige“ Kind, sondern auch noch über sich selbst ärgert. Kann man da wirklich erwarten, dass sich die anderen immer perfekt verhalten?

Dieses Hin und Her der Gefühle wird noch verstärkt, wenn man sich auf den Besuch des Medizinischen Dienstes wegen des Antrags auf Pflegegeld oder im Gegensatz hierzu auf den Besuch im Regelkindergarten um die Ecke vorbereitet. Ich habe meist tagelang ein komisches Gefühl, wenn ich für den Medizinischen Dienst alle Schwierigkeiten und Besonderheiten, die uns im Alltag so viel Zeit kosten, zusammenstelle – wo ich mich doch sonst nie darüber beklage, weil es ja - wie gesagt - „Alltag“ und nichts besonderes ist. Diese Einzelheiten sollte man beim ersten Kindergartenbesuch natürlich auf keinen Fall erwähnen, da geht es mehr um die positiven Seiten wie Lebensfreude, Frohsinn, Empfindungstiefe usw.

Wahrscheinlich müssen wir mit unseren Mitmenschen etwas mehr Geduld haben, wenn sie nicht sofort erkennen, wie das bei uns so läuft.

Und denen, die unsere Situation mit all den manchmal wirren Empfindungen kennen, sollten wir mehr Anerkennung zukommen lassen, wenn sie uns durch ihre Kritik auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Denn meistens sind es genau diese vertrauten Personen, die dann anstatt Dank unseren Frust abbekommen.

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