Leben
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Kolumne im Januar 2005

Identifikationsprobleme?

Vor ein paar Monaten war ich mal mit meiner "großen" Tochter Maria (5 Jahre, 46 Chromosomen) bei der Logopädin. Meine kleine Giulia (3 Jahre, 47 Chromosomen) kannte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In ihrem Sprechzimmer fiel mir sofort ein schönes Bild auf von einem Mädchen mit Down-Syndrom, das an ihrer Wand hing. "Ist die aber süß!" kommentierte ich das Bild voller Begeisterung, erzählte eine Weile und geriet immer mehr ins Schwärmen: "Meine Tochter Giulia ist auch sehr süß!" Die Logopädin nahm mir sofort meinen Begeisterungswind aus den Segeln: "Ja, ja. Mütter finden ihre Kinder immer hübsch, auch wenn sie es gar nicht sind." Dazu fiel mir erstmal nichts mehr ein.

Letzte Woche war ich wieder bei dieser Logopädin, diesmal mit meiner kleinen Giulia. Völlig begeistert berichtet sie mir von einer Mutter, die für ihr Kind mit Down-Syndrom eine Puppe mit herausschauender Zunge gefertigt hat: "Ist das nicht eine tolle Idee? Schließlich können sich solche Kinder ja wohl kaum mit den schönen Puppen identifizieren. Sie sehen ja selbst im Spiegel, dass sie nicht so schön sind wie ihre Puppen."

"Wie bitte???", denke ich nur und als mir die Kinnlade wieder hochklappt entgegne ich ihr, dass ich sehr viele "normale" Kinder kenne, die sich weit weniger mit den schönen Puppen identifizieren könnten.

Die Wut sitzt mir immer noch im Bauch und jetzt überlege ich, ob ich sie das nächste Mal noch einmal darauf ansprechen soll. Von einer Therapeutin erwarte ich einfach mehr Feinfühligkeit und vor allem eine andere Einstellung! Ich finde meine Tochter sehr hübsch und bin sehr stolz auf sie. Darüber hinaus kenne ich sehr viele Kinder mit einer Besonderheit, die sehr hübsch sind. Ob mit oder ohne Besonderheit, man kann nicht alle Menschen in einen Topf schmeißen.

Giulia kann diese Logopädin übrigens auch nicht leiden - im Gegensatz zu ihrer heißgeliebten Ergotherapeutin, einer ganz herzlichen, fröhlichen, jungen Frau.

Den besten Trost und Lacher an diesem Nachmittag gab's dann von meinem Mann. Nachdem ich ihm von dieser tollen Begegnung erzählt hatte, entgegnete er nur ziemlich gelassen: Die gute Frau solle doch mal selber in den Spiegel schauen - wer weiß, ob es überhaupt eine Puppe gibt, mit der sie sich identifizieren kann!

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