Leben
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Kolumne im November 2004

Unser schöner Weihnachtsbaum

Es ist zwar erst November, doch die bereits mit Lebkuchen und Schokoladen-Weihnachtsmännern gefüllten Regale in den Supermärkten verraten, dass die Weihnachtszeit naht. Während ich so meinen Einaufswagen durch die Weihnachtsregale schiebe, fällt mein Blick auf einen großen Schokoladen-Adventskalender in Form eines Tannenbaumes. Ich halte einen Moment inne und muss schmunzeln, weil mir sofort wieder die lustige Geschichte unseres kleinen Serge einfällt, die sich bei uns vor zwei Jahren zugetragen hat. Eines noch vorab: unser großer Sohn Yves zweifelt manchmal daran, ob die Geschichte auch für Außenstehende so lustig ist, die unseren Serge nicht kennen. Nun, Serge ist ein kleiner, frecher, aufgeweckter Spitzbub, dem die Natur ein Steinchen mehr in den Chromosomen-Bausatz gelegt hat. Er hat es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, andere Menschen glücklich und heiter zu stimmen, denn er ist immer gut drauf und lacht das Herzlichste, aber auch Schelmischste aller Lachen. Mit seiner fröhlichen, lebenslustigen Art wickelt er einfach alle um den kleinen Finger.

Kurz nach Weihnachten hatten mein Mann und ich einen Termin, bei dem Serge (damals gut 3,5 Jahre alt) nach Möglichkeit nicht mitkommen sollte. Es war daher naheliegend, unseren großen Sohn Yves (damals 20 Jahre alt) zu fragen, ob er nicht auf Serge für ein paar Stunden aufpassen könne. Die zwei Brüder sind im Übrigen ein Herz und eine Seele – daher freute sich Yves schon auf den Vormittag mit Serge. Am besagten Tag genügte der Blick einer prüfenden Mutter und mir war klar, dass Yves die Nacht zuvor bei seiner Freundin wohl nicht besonders viel geschlafen hatte, was er auch gleich zugab. Zuversichtlich wie er ist, beteuerte er, das sei überhaupt kein Problem.

Wir haben in aller Ruhe unseren Termin erledigt und waren nach zirka drei Stunden wieder zu Hause. Schon als wir zur Haustüre reinkamen, fiel mein erster Blick auf unseren Weihnachtsbaum und irgendwie kam er mir anders vor. Aber ich konnte mich erstmal nicht weiter damit beschäftigen, weil ich Serges Kleidung (Jacke, Mütze, Schal, Handschuhe und ein (!) Schuh), die im Vorzimmer verteilt lag, vom Boden aufsammeln musste. Dann erst habe ich mir den Weihnachtsbaum noch einmal genauer angeschaut und festgestellt, dass dieser zum überwiegenden Teil abgeschmückt bzw. „umgeschmückt“ war und darüber hinaus noch schief dastand. Yves war inzwischen zu uns gekommen und musste kleinlaut gestehen, dass er eingeschlafen sei und nicht mitbekommen habe, wie sich Serge die Zeit vertrieben hatte. Er hatte sich eigentlich nur mal kurz auf die Couch legen wollen.

Passiert war vermutlich folgendes : Serge hat Yves sicher angestrahlt und sich gedacht: „Ja klar, schlaf du ruhig ein bisschen, dann kann ich mich endlich mal um den Weihnachtsbaum kümmern. Ich hab schon seit ein paar Tagen vor, ihn umzudekorieren.“ Dabei muss ich unbedingt erwähnen, dass wir seit zwanzig Jahren keinen so schön geschmückten Weihnachtsbaum hatten - wirklich wunderschön! Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Muss sich unser Serge gedacht haben und machte sich wohl ans Werk, bevor er entweder zuerst oder nachher seine Kleidung im Vorzimmer verteilt hatte und dabei auch einen seiner Schuhe verschwinden ließ. Und nachdem sich Serge über den Baum hergemacht hatte, war er eben nicht mehr schön, sondern sah irgendwie „gerupft“ aus. Schade, dass wir kein Vorher-Nachher-Foto haben, es wäre sehenswert gewesen. Warum der Baum dann letztlich auch noch schief dastand, können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen. Aber zuzutrauen ist unserem Serge schon, dass er sich wie ein Äffchen in die Äste geschwungen hat.

Nun zum verschwundenen Schuh: Als wir heimkamen, saß Serge auf der Eckbank und begrüßte uns mit seinem fröhlichen „Hi“. Als ich den Schuh nicht finden konnte, habe ich ihn gefragt, wo dieser sei. Er strahlte mich mit seinem Unschuldigsten aller Lächeln an, was wohl in etwa heißen sollte: „Schuh, welcher Schuh denn? Ich weiß von nichts.“ Tatsache war, dass der Schuh ein paar Tage verschwunden blieb. Letztendlich haben wir ihn dann beim endgültigen Entsorgen des Weihnachtsbaumes gefunden, er lag im Geäst und war ohne konkretes Suchen im Baum nicht zu sehen. Und auf die Idee, im Baum nachzuschauen, ist natürlich keiner gekommen.

Und was haben mein Mann und ich aus dieser Geschichte gelernt? Dass wir unseren unausgeschlafenen großen Sohn nie wieder mit unserem ausgeschlafenen und darüber hinaus äußerst pfiffigen kleinen Sohn allein lassen werden.

Und was können Sie aus dieser Geschichte mitnehmen? Dass ein Kind mit Down-Syndrom eben auch nicht viel anders ist als andere Kinder.

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