Leben
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Kolumne im September 2004

Na, wie war's im Urlaub?

So lautet oft die erste Frage der Bekannten und Freunde, wenn man sich nach den Ferien wieder trifft.

Früher (vor ca. 6 Jahren) war die Antwort ganz einfach. War das Wetter heiß und sonnig, war auch der Urlaub toll. Und das war meist der Fall, da man das Urlaubsziel ja hauptsächlich nach diesem Kriterium gewählt hat. Man lag einfach 14 Tage im Liegestuhl an irgendeinem Gewässer, hat Leute beobachtet oder ein gutes Buch gelesen, ging abends schön gemütlich bei Kerzenlicht essen und danach vielleicht noch in eine Bar oder Kneipe – schließlich konnte man am nächsten Morgen ja ausschlafen. Man konnte sich also so richtig vom Alltagsstress erholen. (Heute frage ich mich allerdings, von welchem Stress ich mich überhaupt erholen musste.)

Seit Yannik und Annika auf der Welt sind, sieht das bei uns irgendwie anders aus. Liegestühle benötigen wir heute im Urlaub nicht mehr.

Schon auf der Hinreise kann man erahnen, dass der bevorstehende Urlaub mit Erholung nichts zu tun haben wird. Auf dem Beifahrersitz bin ich am Vesper reichen, Apfelsaftschorle auftrocknen, Geschichten erzählen und Streit schlichten. Und auch aus den Lautsprechern klingt nicht wie einst die Lieblingsmusik der Eltern, sondern Törööö und ähnliches. Am Urlaubsziel angekommen, schütten unsere Kinder den Inhalt ihrer Koffer (jeder muss natürlich seinen eigenen haben) erst einmal mitten ins Zimmer, während Papa alle kritischen Einrichtungsstücke der Ferienwohnung sichert. Kritisch heißt, dass diese Gegenstände unseren Aufenthalt nicht überleben würden (Stehlampen, Telefon, Aschenbecher usw.). Ich packe währenddessen den „Elternkoffer“ aus. Danach versuche ich das Chaos der Kinder zu lichten. Für wenige Minuten scheint mir das auch zu gelingen, aber irgendwie bleibt der Zustand der Ferienwohnung für die gesamte Dauer unseres Aufenthaltes chaotisch. Zwölf Uhr Mittag naht, und die Kinder bekommen so langsam Hunger. Das folgende Mittagessen hat mit Gemütlichkeit oder Kerzenlicht natürlich nichts zu tun. Gerade noch Fanta und Spaghetti bestellt hat der Nachwuchs fünf Minuten später doch mehr Lust auf Apfelschorle, Papas Schnitzel und Mamas Fisch. Na ja, essen Papa und Mama eben die Spaghetti. Bei allen folgenden Mahlzeiten haben wir einfach drei verschiedene Gerichte mit zwei Zusatztellern bestellt. Die Kinder haben sich was ausgesucht und wir dann den Rest gegessen. Unser Entschluss, das Frühstück in der Ferienwohnung einzunehmen, stand bereits zu Hause fest. Tisch decken, Brötchen holen, Kaffe kochen und Spülen macht weniger Stress als mit den Kindern vor ein Frühstücks-Büffet zu sitzen.

Die meiste Zeit des Urlaubs waren wir damit beschäftigt, Schwimmflügel an- bzw. auszuziehen, nasse Badehosen gegen trockene auszutauschen, Unmengen von Handtüchern zum Trocknen aufzuhängen und natürlich mit den Kindern im Pool zu planschen und toben.

Dabei war es meistens laut, es gab viel Gelächter und Kindergekreische. Wir freuen uns ja sehr, dass Yannik endlich spricht und sich verständigt, aber wenn er so am Toben und Spielen ist, geht das dann eher in ein Brüllen über. Außerdem bekam Annika regelmäßig eine Wut-Schreiattacke, wenn sie für kurze Zeit aus dem Wasser sollte.

Irgendwie kam ich mir auch manchmal beobachtet vor. Vielleicht ist man da empfindlicher, wenn man ein Kind mit Down-Syndrom hat. Ich war mir nicht sicher, ob die Blicke eher unserem hektischen, lauten Treiben oder mehr Yanniks Down-Syndrom galten. Gleichzeitig hatte ich auch Mitleid mit denjenigen Urlaubern, für die Urlaub ja eigentlich noch Ausruhen, Sonnen und Lesen im Liegestuhl bedeutet. Das muss bei dem Geräuschpegel auch für andere schwer gewesen sein, wenn wir uns in der Nähe des Schwimmbeckens aufhielten. Ich hatte deshalb auch wirklich ein schlechtes Gewissen.

Dass das vollkommen unnötig war zeigte sich, als wir nach einem Tagesausflug einmal erst gegen Abend zum Baden kamen. Ein älteres Ehepaar begrüßte uns freudig und meinte, es wäre heute richtig langweilig gewesen ohne uns. Sie erzählten, dass sie uns so gerne zusehen, weil sie das an diese Zeit mit ihren eigenen Kindern erinnert. Und die ältere Dame, die Yannik zwei Tage vorher (versehentlich?) mit seiner Gießkanne gegossen hatte, kam extra zu ihm her und sagte ihm, dass sie „ihren kühnen Schwimmer“ vermisst hätte. Die Blicke der Anwesenden waren also keineswegs böse, sondern vielleicht sogar ein bisschen neidisch. So anstrengend Urlaub mit kleinen Kindern auch ist, man sollte diese Zeit genießen, sie geht viel zu schnell vorbei.

Würden wir unseren diesjährigen Urlaub nach den Kriterien von früher beurteilen, wäre er eine einzige Katastrophe gewesen. Da sich aber ja irgendwie alles ändert, wenn man Kinder hat, ändern sich (glücklicherweise) auch die Erwartungen an die schönsten (und inzwischen auch anstrengendsten) Wochen des Jahres. Und somit lautet meine Antwort auf die Frage: „Na, wie war´s im Urlaub?“ auch in diesem Jahr wieder: “Es war super!“ Die Familie war zusammen, die Kinder hatten viel Spaß beim Baden und anderen Unternehmungen und wir alle hatten mal wieder einen Tapetenwechsel.

Das Einzige, was sich bei mir nicht so richtig einstellen wollte, war Erholung. Aber das hat auch was Gutes: man freut sich auf zu Hause und lernt mal wieder schätzen, wie gut man es da eigentlich hat!

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