Leben
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Kolumne im August 2004

Durchsetzen - ja oder nein?

So manches Mal schon habe ich mich gefragt, was soll oder muss man durchsetzen oder was nicht. Vor ein paar Tagen dann hat sich folgendes zugetragen:

Vorausschicken möchte ich, dass wir unserer Wohnung gegenüber einen Imbiss-Stand haben, der auch Eis verkauft und leichtsinnigerweise habe ich dort mal mit Serge Eis gekauft. Obwohl Serge sonst nichts Süßes mag, aber Eis liebt er über alles und an einer Eisdiele (oder wie in diesem Fall an einem Imbiss-Stand) kommt man meistens nicht vorbei, ohne dass er nicht nach Eis fragt.

Serge wurde an diesem Tag von seinem Papa vom Kindergarten abgeholt, während ich zu Hause das Mittagessen vorbereitete. Als sie kamen, meinte mein Mann, dass Serge ein Eis möchte und ich soll doch bitte eins kaufen; er könne dieses dann nach dem Mittagessen bekommen. Da ich schon wusste, dass das so nicht funktioniert (von wegen nach dem Mittagessen), bestand ich auch darauf, das Eis erst nach dem Essen zu kaufen. Und schon waren wir in der tollsten Diskussion. Serges Papa meinte zuversichtlich, er würde Serge schon erklären, dass wir erst essen (ha, ha, kann ich da nur sagen) Um dem ganzen ein Ende zu bereiten, bin ich dann doch mit Serge gegangen, um das Eis zu kaufen. Serge strahlte bis über beide Backen, als er mit dem Eis nach Hause kam und präsentierte es stolz seinem Papa. Das Strahlen erlosch aber augenblicklich, als das Eis im Kühlschrank verschwand. Und das Theater begann: Serge ließ sich auf den Boden fallen (macht sich immer gut, um was durchzusetzen) und weinte herzzerreißend.

Nun kommt der pädagogisch wertvolle Teil: Serges Papa nahm ihn, setzte ihn auf die Küchenablage (Blickkontakt = sehr wichtig) und klärte ihn über das wahre Leben auf, d.h. wir essen zuerst zu Mittag, danach das Eis, hast du das verstanden mein Sohn? Serge hauchte ein verständnisvolles „Ja“ und zeigte auf den Kühlschrank und hauchte sein ebenso bezauberndes „Ei“ (= Eis).

Ich kann das ganze an dieser Stelle hier abkürzen, letztendlich saßen wir am Tisch und ich und mein Mann genossen unser afrikanisches Fufu und Serge schleckte sein Eis.

Ich habe später über die Situation noch mal in aller Ruhe nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir uns das alles hätten sparen können. Serge hatte an diesem Tag und zu dieser Zeit offensichtlich Appetit auf Eis und ihn war es einfach unverständlich, warum wir dieses Bedürfnis nicht sofort stillen wollten. Zumal es ja auch nicht jeden Tag vorkommt und er auch oft genug ein „Nein“ akzeptiert, wenn es für ihn Sinn macht und er die Situation versteht. Eis vor oder nach dem Mittagessen, was soll’s. Ich bin froh, dass ich nicht den Sinn oder Unsinn dieser „Regel“ erklären muss. Außerdem lebt Serge - und wie ich meine, die meisten Kinder mit Down-Syndrom - im Hier und Jetzt und ein "später" oder "nachher" gibt es für ihn nicht. Wenn ich z.B. ankündige, dass wir am nächsten Tag in die Wilhelma gehen, freut er sich und holt sich seine Schuhe.

Zum Abschluss sei noch gesagt, dass Serge, nachdem er die Hälfte von dem Eis gegessen hatte, mir den Rest gab und sich dann seinem Mittagessen zuwendete.

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