
Auf einen Blick
Als Eltern eines Kindes, dem die Natur ein Chromosom mehr auf den Weg gegeben hat, reagiert man -wahrscheinlich nicht nur am Anfang - sehr sensibel auf die "neugierigen" Blicke der Umwelt. Gut, die typischen Stigmata (vor allem die mandelförmigen Augen und der vielleicht offene Mund) eines Kindes mit Down-Syndrom machen es einem medizinischen Laien ja auch nicht unbedingt schwer, ein Kind mit einer Trisomie 21 sofort als ein solches zu identifizieren.
Da Juliana und ich immer sehr viel unterwegs sind - und das hauptsächlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln - habe ich schon sehr früh die Erfahrung machen müssen, dass die Leute eben "schauen". Ich habe mich in den letzten zweieinhalb Jahren zur regelrechten "Blick-Expertin" qualifiziert. Hier möchte ich Ihnen ein paar der wichtigsten Blicke vorstellen:
Der "Mitleids"-Blick
Dabei handelt es sich eigentlich um die schlimmste Spezies der Blicke, die man vor allem frisch gebackenen Eltern antun kann. Bei der vorgestellten Personengruppe handelt es sich meistens um die Generation, die den Zweiten Weltkrieg – und damit die Euthanasie - noch miterleben musste und die Zeit danach, in der Menschen mit Down-Syndrom in Heimen untergebracht wurden, weil man ihnen nichts zutraute bzw. zutrauen wollte.
Mein Tipp: Wenn Ihr Kind oder Sie selbst von so einem Blick getroffen werden, versuchen Sie erstmal tief durchzuatmen und machen Sie sich dann bewusst, dass diese Menschen es leider gar nicht besser wissen können. Sie sind mit ihrem Wissensstand bezüglich Down-Syndrom wahrscheinlich im Jahre 1960 (Mongolismus!) stehen geblieben und wenn sie nicht irgendwann persönlich einen Menschen mit Down-Syndrom kennen lernen, werden sie auch nie in das 21. Jahrhundert vordringen.
Der "Bin-ich-froh-dass-es-mich-nicht-getroffen-hat"-Blick
Ein kurzer, zuerst leicht geschockter Blick ("Oh je, dieses arme Kind hat Down-Syndrom. Na ja, mir hätte das ja nicht passieren können, denn ich habe alle notwendigen, pränatalen Untersuchungen machen lassen", dann ein beruhigter Seufzer und ein darauf folgendes verständnisvolles Zunicken, so nach dem Motto "Ich weiß, wie Ihnen zumute sein muss, Sie Arme!"
Mein Tipp: Umarmen, küssen und schmusen Sie ihr Kind, frei nach dem Motto "Ich liebe mein Kind – von Traurigkeit gar keine Spur". Das wurmt den Gucker erstmal und macht ihn vielleicht sogar nachdenklich.
Der "Ich-kenne-auch-jemanden-mit-Down-Syndrom"-Blick
Einer meiner Favoriten. Juliana und ich stehen im Supermarkt in der Schlange an der Kasse. Eine Kundin in der Nebenschlange wirft uns die ganze Zeit ein begeistertes, freundliches Lächeln zu. Dafür kann es nur eine Erklärung geben: sie kennt auch jemanden mit Down-Syndrom und will uns signalisieren, dass sie weiß, wie viel Spaß, Freude und Glück wir mit unseren Kindern haben können.
Mein Tipp: Lächeln Sie genauso begeistert zurück. Diese Leute sind auf unserer Seite. Der "italienische" Blick
Jedes Mal, wenn wir wieder in Italien sind, weiß ich sofort, warum es uns dort so wahnsinnig gut gefällt. Schuld daran sind nicht nur das ausgezeichnete Essen, der leckere Cappuccino, Sonne, Strand und Palmen ... , sondern die Tatsache, dass die Italiener zwischen 46 und 47 Chromosomen einfach keinen Unterschied zu machen scheinen. Ein enthusiastisches, freudestrahlendes "Ciao Bellissima! Come stai?" versüßt nicht nur unserer Tochter, sondern auch uns den Tag. In Italien wird "Inklusion" tatsächlich gelebt.
Mein Tipp: Auf nach Italien!
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